Tempelarchitektur Ostindiens

Kaum etwas spiegelt besser die Vielfalt der Völker und den Reichtum der Geschichte des indischen Subkontinents wider als seine Tempelarchitektur. Heute begegnen Sie einer monumentalen Sakralbaukunst in Ostindien.

Von Dr. Michael Krause / 16.12.2016
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Nachdem die hochentwickelte Induskultur des 3. Jahrtausends v.Chr. aus heute noch nicht bekannten Gründen untergegangen war, ohne monumentale Kultbauten zu hinterlassen wie andere vergleichbare Hochkulturen in Mesopotamien und Ägypten, dauerte es mehr als 1.500 Jahre, ehe die im Laufe dieser Zeit entstandene Mischbevölkerung aus eingewanderten Ariern und autochthonen Draviden mit neuen, typisch indischen Bauten die Ära der Lehmhäuser und vermutlichen Holzbauwerke überwand und – vielleicht unter dem Einfluss aus Persien eingewanderter Steinmetzen und Architekten – eine monumentale Sakralbaukunst entwickelten. So war es zunächst während der Regierungszeit des zur Maurya-Dynastie gehörenden Kaisers Ashoka im 3. Jh. v.Chr., als der Buddhismus zur gegenüber dem sich bis dahin entwickelnden Hinduismus zur vorherrschenden Religion wurde und sich die spezielle Klosterarchitektur mit den typischen Bauformen der zentralen Viharas und Chaithyas (Gebetshallen) sowie des Stupa, eines charakteristischen kuppelförmigen Tempelturms als Zeichen der Erleuchtung Buddhas herausbildete. Bis heute verblüfft die Kunstfertigkeit, mit der Tore, Fenster und verschiedene Schauelemente der buddhistischen Bauwerke verziert sind.

Als der Hinduismus wieder an Bedeutung zunahm und zumindest in Indien den Buddhismus wieder verdrängte, waren es Hindus und besonders die unübertroffenen Künstler der gleichzeitig mit dem Buddhismus entstandenen Religionsvariante des Jainismus, die die Tempelbauten und besonders die Verzierungen entscheidend prägten. Im Osten Indiens, in Westbengalen und besonders im Bundesstaat Odisha, der bis 2011 noch mit seinem alten Namen Orissa genannt wurde, finden sich Zeugnisse sowohl der Höhlenklöster der Jains als auch der aus mehreren Gebäuden bestehenden Tempelkomplexe des späteren Nagara-Stils.

Während in Südindien der Dravida-Stil überwiegt, der im 7. nachchristlichen Jahrhundert seinen Höhepunkt hatte und dessen bedeutsamstes Erscheinungsbild zunächst die aus dem Felsen gehauenen Vimanas, pyramidenförmige, reichverzierte Tempeltürme wie z.B. in Mamallapuram waren, überwog, setzten sich kurz darauf neuartige und architektonisch ständig weiterentwickelte Tempeltürme in Mittel-, Nord- und Ostindien durch. Nicht die pyramidenartige Vimana-Struktur Südindiens, sondern die anderen Einflüssen unterliegenden Konstruktionen hochaufragender Tempeltürme, der Shikharas, setzten sich durch. Wörtlich übersetzt bedeutet dies „Gipfel oder Bergspitze“ und soll den Anklang an den Weltenberg Meru oder an das „heilige“ Himalayagebirge erwecken, in dem der Überlieferung zufolge die Götter wohnen. Ganz bewusst haben die Erbauer diese leicht gebogenen, parabel- oder bienenkorbartigen Tempeltürme, die meist einen oberen Aufsatz tragen, besonders hochaufragend und als Landmarke in ebenem Gelände gestaltet – sie sollten schon von weither gesehen werden und ein sichtbares Zeichen göttlichen Einflusses setzen. Neben diesem hohen, zentralen Tempelturm auf zumeist quadratischem Grundriss sind Gebetsraum, Tanzhalle und Audienz- bzw. Opferhalle zu finden, alle mit hohenm Dächern und insgesamt eine Einheit bildend. Allen gemeinsam ist die unglaubliche Vielfalt und Kunstfertigkeit, mit der Fassaden, Dächer und Außenmauern verziert sind: figürliche Darstellungen aus Mythologie, Fantasie und täglichem Leben wechseln mit symbolträchtiger Ornamentik.

Manche dieser Tempelanlagen, wie der dem Zerstörergott Shiva geweihte Lingaraja-Tempel in Odishas Hauptstadt Bhubaneswar oder der Krishna gewidmete Jagannath-Tempel, der das benachbarte Puri zu einem heiligen Ort macht, haben die Größe einer ganzen Tempelstadt und dürfen nur von gläubigen Hindus betreten werden. Andere Tempel – beispielsweise in Bhubaneswar die nicht weit voneinander entfernt liegenden Tempel Parasurameswara, Muktheswar und Rajarani – sind in aufeinanderfolgenden Jahrhunderten erbaut und lassen eine „Weiterentwicklung“ von Architektur und Verzierungen erkennen.

Den wirklichen Höhepunkt der ostindischen Tempelarchitektur aber bildet der Sonnentempel von Konark, der schon seit einiger Zeit zum UNESCO-Weltkulturerbe gehörende und nur teilweise erhaltene Sakralbau aus dem 13. Jh. n.Chr. Der Kultbau, den einst König Narasimha Devi errichten ließ, ist dem Sonnengott Surya geweiht und einer der am reichsten verzierten Tempeln Asiens. Interessant ist seine Gestaltung als „Ratha“, als Prozessions- oder Tempelwagen, die aber gleichzeitig andeutet, dass er dem Sonnenwagen des Surya nachempfunden ist seine an den Außenmauern angebrachten Friese und Skulpturengruppen zeigen unter anderem 24 teilweise prachtvoll erhaltene und verzierte steinerne Radreliefs, zusammen mit leider schlecht erhaltenen Pferdeskulpturen an seinem Eingang. Der Legende nach sollen 1200 Künstler in zwölfjähriger Arbeit diesen Prunkbau erschaffen haben – und da er offensichtlich nur kurze Zeit als Tempel genutzt wurde, isdt man bis heute nicht sicher, ob er jemals vollständig vollendet wurde.

Hervorragend ist seine Sockelzone erhalten, ebenso wie die Vorhalle – der Hauptturm existiert nicht mehr, fraglich ist seine einstige Größe und Vollendung.

Das Besondere ist die unglaubliche Steinmetzkunst die ihre Lebendigkeit und Ausdruckskraft in hunderten von Jahren eindrucksvoll bewahren konnte. Friese und Darstellungen wirken wie ein Bilderbuch, bis heute erzählen die teilweise erstaunlich gut erhaltenen tausenden von Skulpturen Geschichten aus der Welt der Götter, vom Leben bei Hofe, von Sehnsüchten und verschiedenen mehr oder weniger üblichen Tätigkeiten. Sie stellen das tägliche Leben der Erbauungszeit dar, zeigen Handwerker oder – überaus beliebt bei Tempelverzierungen - Musiker, Tänzerinnen oder Mitglieder des Hofstaats. Neben den Darstellungen von Göttern – oft mit für sie typischen Attributen, schon um sie unverwechselbar kenntlich zu machen – und Dämonen finden sich auffällig viele sehr freizügige Darstellungen. Erotische Motive sind zu jener Zeit durchaus üblich und stellen die im indischen Mittelalter weit verbreitete tantrische Lebensauffassung dar. Ähnlich gestaltete Reliefs wie hier in Konarak finden sich beispielsweise an den Außenwänden der weltweit wesentlich bekannteren Tempel von Khajuraho. Neben der an den Höfen der Hindukönige selbstverständlichen Lebenslust und Sinnesfreude sind die Ursachen für diese gern verwendeten Erotikmotive in der – für die damaligen metaphysischen, mystischen Lehren, die im Tantrismus eine Version fanden typischen  – Einstellungen zum „Verschmelzen, Eins-Werden“ von Götterwelt, Philosophie und Menschenwelt zu sehen und beruhen vielfach auf Ausschmückungen und Interpretationen des aus dem 3. nachchristlichen Jahrhundert überlieferten Erotik-Leitfadens „Kama Sutra“ (=Verse des Verlangens).

Absolute Meisterwerke einer vollendeten Steinmetzkunst und wundervolle Zeugnisse der Lebensweise des 13. Jh. sind alle Bildwerke, die die ostindischen Tempel schmücken, in denen mit Detailverliebtheit und perfekter Beobachtungsgabe die Künstler dem spröden Material Stein seine bis heute ungebrochene unglaubliche Lebendigkeit verliehen. Seit Jahrhunderten entzücken die Figuren der Tempel jeden Betrachter, entrücken ihn in Raum und Zeit und lassen ihn teilhaben am Leben der Hofhaltungen und der Tempel des alten Indien. Ob geometrische Ornamente, Pflanzenranken, Tierdarstellungen oder bewegte Szenen aus dem Alltag, ob Götter oder Dämonen, figürliche Darstellungen oder die riesigen Räder des „Sonnenwagens“ – immer schildern die dargestellten Szenen das pralle Leben, immer überraschen sie mit meisterlicher Ausführung, immer ziehen sie jeden Betrachter in ihren Bann und veranlassen ihn zu eigenen phantasievollen Deutungen und Assoziationen.

Die Entlohnung der Künstler übrigens geschah nach einem recht originellen Abrechnungssystem: Sie mussten ihre Leistung jeden Abend durch Vorweisen des am Tag aus dem Stein herausgearbeiteten Materials dokumentieren. Abgestuft nach dem für sie vorgesehenen Arbeitsgang und der Feinheit der von ihnen auszuführenden bildhauerischen Arbeit bekamen sie ihren Tageslohn für die vorgezeigten Steinbrocken oder das mit feinen Werkzeugen abgeschabte Gesteinsmehl!



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