Paris intensiv und individuell
Reisebericht: 25.08. – 30.08.2026
Wer einen Ort wirklich erleben möchte, muss zu Fuß unterwegs sein, wusste schon der alte Goethe. Deshalb durchkreuzen wir neben Metro und Schiff hauptsächlich per pedes die französische Hauptstadt.
Ein Reisebericht von
Antje Kahnt
Von Saint–Germain zum Rathaus
Am frühen Nachmittag ist unsere kleine Reisegruppe komplett. Einchecken, Begrüßung und dann kann es auch schon mit der ersten Erkundungstour durch das 6. Arrondissement losgehen. Vom Hotel am Luxembourg-Garten gelegen spazieren wir am Aznavour-Denkmal vorbei zur Schlagader des Quartiers, dem Boulevard Saint-Germain. Rund um den Carrefour d‘Odéon und den langgestreckten Cour Saint-André-des-Arts wohnten und wirkten mit Danton, Marat und Guillotin einige Köpfe der Revolution, die jedoch alle ein unrühmliches Ende nahmen.
Nach den revolutionären Schauergeschichten liefert die Rue de Buci einen Szenenwechsel mit ihren vielen Bars und Bistro-Terrassen. Bei der Boulangerie Paul genehmigen wir uns einen kurzen „Boxenstopp“. Danach zeigt sich im ehemaligen Bezirk der Abtei Saint-Germain noch einmal ein anderes, stilles Gesicht des Viertels. Am friedlichen Furstemberg-Platz, wo der Maler Delacroix in den Stallungen der Abtei sein Atelier hatte, scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Wenige Meter später stehen wir in der Kirche, die nach dem Abteigründer im 6. Jahrhundert benannt dem ganzen Quartier den Namen gab. Ihr markanter, 1000 Jahre alter Turm ist heute das älteste Zeugnis christlicher Baukunst in Paris. Im Inneren besticht sie mit ihrer farbenfrohen Wandbemalung des Kirchenraums, die im Kontrast zu der noch schlichten romanischen Saint-Symphorien-Kapelle steht, in der sich das Grab des Abteigründers befand.
In den gegenüberliegenden Literatencafés waren Philosophen, Künstler und Schriftsteller zu Gast, die zum Kreis von Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir gehörten. Die Rue Bonaparte, in der Professor Sartre gegenüber dem Abteikirche wohnte, führt Richtung Seine zur Kunsthochschule, um die herum sich viele Galerien, aber auch Geschäfte für Künstlerbedarf und Künstlerkneipen angesiedelt haben.
Nach einer Stippvisite in Oscar Wildes letztem Domizil und einem Blick auf die Kuppel, unter der die „Unsterblichen“ der Académie Française tagen, spazieren wir noch zum Pont Neuf, der heute ältesten Brücke von Paris. Von dort spazieren wir noch über die dreieckig angelegte Place Dauphine auf der Île de la Cité, einen der idyllischsten Plätze der Stadt. Von dort geht es noch ans rechte Seineufer, um am Rathaus einen Blick auf den Festakt anlässlich der Befreiung von Paris am 25.August 1944 zu werfen. Es gibt Probleme mit dem Protokoll, deshalb drehen wir Richtung Metro ab, aber immerhin Marseillaise gehört und den Pariser Bürgermeister und die französische Verteidigungsministerin aus der Nähe gesehen.
Nach dem ereignisreichen Nachmittag werden wir dann in einem Lokal nahe dem Hotel erwartet, das extra für uns bereits vor der großen Rentrée die Tore öffnet.
Notre Dame, Marais und Moulin Rouge
Heute lohnt das frühe Aufstehen, denn für den Morgen haben wir als Extra-Bonbon der Reise einen der raren Führungslots in Notre Dame „ergattert“. Auf dem Weg zur Île de la Cité statten wir Montesquieu, der letzten Hoffnung manches Sorbonne-Studenten einen Besuch ab und begutachten die antiken Thermen der römischen Provinzstadt Lutetia. Danach entdecken wir den ältesten Baum der Stadt, der mit seinen über 400 Jahren immer noch erstaunlich frisch aussieht. Von dieser Robinie aus bietet sich einer der schönsten Blicke auf die Kathedrale. Ausgestattet mit Mikrofon und Kopfhörern gelangen wir ohne Anzustehen direkt ins Innere, um die große Leistung der Restauratoren sowie die alten und neuen Kunstwerke der wiederauferstandenen Kathedrale zu bewundern.
Nach einer kurzen Kaffeepause spazieren wir über die Brücke zur Ludwigsinsel, wo einige angesichts des Verkaufsstandes von Bertillon, dem berühmtesten Glacier der Stadt, schwach werden. Danach führt uns der Weg durch Marais, wo wir noch die Reste der alten Stadtmauer, die letzten Relikte der Fachwerkhäuser und sogar am Postkasten Streetart entdecken. Über die Rue Saint Antoine erreichen wir das Hôtel de Sully, wo heute die Verwaltung der Nationaldenkmäler ihren Sitz hat. Sowohl der Grundriss als auch der reiche Fassadenschmuck des „Hôtel particulier“ sind prototypisch für die französischen Schlossbauten des 17. Jahrhunderts. Über einen Schleichweg durch die Galerie gelangen wir anschließend auf den „schönsten Platz“ von Paris, unter Heinrich dem IV. als „Place Royale“ angelegt. Der heutige Vogesenplatz war ebenfalls ein Prototyp, der mit seinen einheitlichen Fassaden und dem Reiterdenkmal in der Mitte in den Residenzstädten quer durch Europa kopiert wurde. Anschließend werfen wir noch einen Blick in den Hof des Carnavalet-Museums, das sich der Pariser Stadtgeschichte widmet und bestaunen den zugehörigen Garten mit seinem bezaubernden Restaurant, bevor die Mittagspause einläuten.
Frisch gestärkt bummeln wir ein Stück ins jüdische Herz des Marais hinein, schlüpfen zwischendrin in den versteckten Garten an der Rue des Rosiers, entdecken noch einige Reste der Stadtmauer von Philippe Auguste aus dem auslaufenden 12. Jahrhundert und statten dem schönen Hufeisenhof des Hôtel de Soubise einen Besuch ab, an den sich eine frisch erweiterte Gartenoase im Komplex des Nationalarchivs anschließt.
Auf dem Weg zur Metro gen Hotel lockt uns noch die geöffnete Pforte des Cloître des Billettes, in der eine Galerie gerade afrikanische Kunst ausstellt – eine letzte Gelegenheit, bevor der letzte gotische Kreuzgang der Stadt wegen einer Baumaßnahme nun mehrere Monate geschlossen ist.
Anschließend fahren wir noch mit der Metro bis zum Triumphbogen, von dem wir entlang der verlängerten historischen Achse bis zum dritten Bogen, der Grande Arche de la Défense, schauen können. Nach einer Stippvisite auf den Champs-Élysées geht es zum Hotel zurück.
Am Abend erwartet uns noch das bereits 1889 gegründete Cabaret Moulin Rouge. Toulouse-Lautrec hat mit seinen Plakaten den Vergnügungstempel und Tänzerinnen wie La Goulue (die „Verfressene“) oder Jane Avril weltberühmt gemacht. Auch heute noch zieht die Show mit ihrer imposanten Ballettkompanie in schillernden Gewändern, atemberaubender Artistik sowie den detailverliebten, traditionellen Bühnenbildern das Publikum allabendlich in seinen Bann. Nach einem ereignisreichen Tag geht es mit Taxis zurück zum Hotel.
Opernviertel und Louvre–Führung
Nach dem Frühstück fahren wir zur Opéra Garnier, die Charles Garnier 1865 für Kaiser Napoléon III. zu bauen begann. Wir hören von seinen Schwierigkeiten bei der Konstruktion und dem Grundwasserbecken, das später die Kulisse für das „Phantom der Oper“ abgibt. Außerdem bewundern wir die nie genutzte Kutscheneinfahrt in die Kaiserloge, da der 1870 nach London emigrierte Kaiser die Einweihung des Hauses 1875 nicht mehr erlebt.
Von dort aus spazieren wir entlang der mondänen Auslagen der Juweliere auf der Rue de la Paix zum Place Vendôme. Der achteckige königliche Platz ist eine Kreation des Hofarchitekten Jules Hardouin-Mansart. Die Sonne, das Zeichen seines Auftraggebers Ludwig XIV., findet man an den schmiedeeisernen Gittern der Bel Étage. Anstelle des während der Revolution zerstörten Reiterdenkmals des Königs ragt heute die Austerlitzsäule nach dem Vorbild der römischen Trajansäule auf. Während der Pariser Commune stiftete der Maler Gustave Courbet die Pariser zum Sturz des Monuments an. Heute sehen wir eine wiederaufgebaute Kopie, die Schlachtenszenen in ihrem umlaufenden Fries und den Kaiser im Gewand eines römischen Cesaren zeigt.
Die berühmteste Adresse des Platzes ist zweifellos das Ritz-Hotel, in dem Coco Chanel viele Jahre wohnte und jeden Abend über den Dienstboteneingang gegenüber ihres Stammgeschäftes an der Rue Cambon ins Hotel schlüpfte. Die Erfinderin des „Kleinen Schwarzen“ hatte vor dem Zweiten Weltkrieg eine verhasste Konkurrentin am Platz. Elsa Schiaparelli wurde für ihre weniger eleganten, aber exzentrischeren Kreationen und ihr „Shocking Pink“ bekannt.
Anschließend werfen wir einen Blick in die fast 200 m lange Passage Choiseul, in die der Hinterausgang des Bouffes-Parisiens-Theaters mündet. Es gehörte dem aus Köln stammenden Operettenschreiber Jacques Offenbach, der hier den Cancan salonfähig machte. Anschließend entdecken wir den charmanten Square Louvois, der durch Viscontis Brunnen mit den frisch restaurierten Quellnymphen von Frankreichs wichtigsten Flüssen geprägt ist. Direkt gegenüber nutzen wir die Gelegenheit, den historischen Sitz der Nationalbibliothek zu besuchen und staunen über das prachtvolle Dekor der zwei schönsten Lesesäle der Stadt. Vom idyllischen Bibliotheksgarten ist es nur ein Katzensprung in die Galerie Vivienne. Wir durchschlendern die schönste Passage von Paris, die dieses Jahr ihr 200-jähriges Jubiläum feiert und stehen kurz darauf schon im wunderbaren Garten des Palais Royal. Mitte des 18. Jahrhunderts angelegt hatte er mit seinen Arkaden den venezianischen Markusplatz als Vorbild. Heute ist er sowohl für Pariser, als auch Touristen ein beliebter Rückzugsort aus der hektischen Geschäftigkeit der Hauptstadt. Unter den Lindenbäumen geht’s zum Ehrenhof des Palais Royal, heute Dienstsitz der Kultusministerin. Die unterschiedlich hoch aus dem Boden ragenden, gestreiften Säulen sind ein Werk von Daniel Buren, die nach den ursprünglichen Diskussionen heute jedoch nicht mehr wegzudenken sind.
Der angrenzende Platz wird nach der Mittagspause unser Treffpunkt für die Führung durch den Louvre. Ausgestattet mit flugs organisierten Kopfhörern nehmen wir den Gruppeneingang und können ohne Anstehen direkt unter die Pyramide ins Foyer des Museums fahren. Auf unserer Entdeckungsreise durch die Schätze der 1793 gegründeten, gigantischen Sammlung entdecken wir im Untergeschoss die beeindruckenden Grundmauern des mittelalterlichen Louvre sowie die geheimnisvolle Sphynx von Tanis. Natürlich statten wir in der Antikensammlung auch der Venus von Milo und der Nike von Samothrake einen Besuch ab, bevor wir zu den Gemälden der Italiener im Obergeschoss wechseln. Dort ist nicht nur die berühmteste Dame des Hauses beheimatet, der Mona Lisa gegenüber hängt auch das mit rund 65 qm größte Gemälde des Louvre, in dem Veronese einem Wimmelbild gleich die Hochzeit von Kana erzählt. Nach den ganzen Eindrücken lassen wir den Tag im Bouillon Racine mit seinem schönen Jugendstildekor ausklingen.
Führung im Musée d‘Orsay, Invalidendom und Dinner Cruise
Der heutige Tag führt uns ins 7. Arrondissement, den Faubourg Saint-Germain. Eine der Hauptattraktionen des Quartiers ist das Musée d’Orsay, das zu den schönsten Museen Frankreichs gehört. Die eine Hälfte unsere Gruppe will sich davon auch im Inneren überzeugen, während die anderen in dieser Zeit in den umliegenden Straßen und vis-à-vis im Tuilerien-Garten auf eigene Faust unterwegs sind, wo es derzeit noch „La Vasque“ zu bewundern gibt. Die Feuerschale mit dem markanten Ballon wurde von EDF für die Olympischen Spiele als eine rein elektrisch betriebene olympische Flamme entwickelt und kommt zur Freude der Fans noch bis 2027 jeden Sommer in die Tuilerien zurück.
Trotz der aktuellen Baustelle wird das Kunstgrüppchen mit der Führungsreservierung unverzüglich ins Innere des alten Bahnhofs gelassen, der in diesem Jahr den 40. Geburtstag seiner Wiederbelebung als Museum des 19. Jahrhunderts feiert. Direkt zu Beginn begrüßt uns eine kleine Version der Freiheitsstatue, geschaffen von Bartholdi und Eiffel, der in diesem Jahr anlässlich des 150. Jahrestages der Unabhängigkeit Amerikas und dem 140. Geburtstag des New Yorker Wahrzeichens eine Ausstellung im Orsay-Museum gewidmet wird. Danach amüsieren wir uns über die von Daumier in Ton kreierten Karikaturen der Pariser Gesellschaft und bewundern die Meisterwerke von Millet und Courbet, die mit ihren alltäglichen Darstellungen den Realismus aus der Taufe hoben. Manets eindrückliche Porträts begleiten uns in das oberste Geschoss, in dem die Impressionisten wie Monet, Renoir und Caillebotte beheimatet sind. Den Schlussakkord setzen die berühmten Gemälde von van Gogh, dem ein ganzer Raum gewidmet ist.
Nach einer „ambulanten Mittgaspause“ wieder vereint spazieren wir durch das Regierungsviertel, in dem die Nationalversammlung und etliche Ministerien und Botschaften auf unserem Weg liegen. Abschließend durchqueren wir noch die beeindruckende Anlage des Hôtel des Invalides, besuchen die „Soldatenkirche“ Saint Louis, die Kathedrale des Militärs, und bewundern abschließend noch die vergoldete Kuppel des Invalidendoms.
Am Abend bringen uns Transfers nochmals ins 7. Arrondissement zurück, wo uns am Fuß des Eiffelturms unser Schiff für eine abendliche Dinner-Kreuzfahrt erwartet. Während die Sonne untergeht, gleiten wir auf dem eleganten Schiff ganz langsam an den Pariser Monumenten der Innenstadt vorbei und erleben als Tagesabschluss noch die glitzernde Beleuchtung des Eiffelturms.
Montmartre–Bummel und Ausblick vom Eiffelturm
Zum Ende unserer Reise steht noch ein Paris.-Klassiker auf dem Programm. Mit der Metro geht es in den Pariser Norden zum Montmartre. Wir entdecken, wo Picasso den Kubismus erfand, Dalida mit Alain Delon flirtete und Renoir sein berühmtes Bild der Moulin de la Galette malte. Außerdem öffnet sich eine Tür für uns, durch die wir in das letzte Stück der „Macchia“ von Montmartre, der ehemals wildromantischen Mischung aus Steinbruch und Holzhütten, die bis 1900 das Bild des Hügels prägten. Das später „annektierte Areal“ des alten Pétanque-Clubs hat die Stadt wieder für alle öffnen lassen. Im verwunschenen Hof leben jetzt Karnickel und Hühner, außerdem dient er Nachbarschaftsprojekten. Pétanque kann man übrigens immer noch spielen. Anschließend begegnen wir noch dem heiligen Dionysius, der als erster Bischof im alten Lutetia geköpft und dann über den Hügel bis in die Stadt lief, die heute seinen Namen trägt, Saint Denis. An sein Martyrium erinnert heute noch der Name Montmartre. Vom Place Dalida aus geht es das letzte steilere Stück bis zum Maison Rose und in die älteste Straße, die Rue Cortot, bis wir am Wasserturm vorbei endlich an der weißen Basilika ankommen. Nach einer Fotopause kehren wir bereits am Fuß des Hügels zur Mittagsrast ein. Obwohl uns der Wettergott nicht hold ist und es einen richtigen Wolkenbruch gibt, wollen einige noch auf den Montmartre-Friedhof, wo wir Heinrich Heine einen Besuch abstatten. Auch „la Goulue“ begegnet uns hier noch einmal, bevor es zurück zum Hotel geht.
Für unseren letzten Abend erwartet uns „Madame Brasserie“, das Restaurant von Sternekoch Thierry Marx auf der ersten Etage des Eiffelturms. Nach den Gaumenfreuden genießen wir noch die Aussicht auf Paris in der Abendsonne, bevor wir uns mit Taxis auf den Heimweg machen. Im Salon des Hotels lassen wir den Abend noch gemütlich ausklingen.
Au revoir, Paris
Den Vormittag nutzen viele noch einmal für einen Bummel im Luxembourg-Garten. Auch im nahen Pantheon werden noch letzte Fotos geschossen. Kurz nach dem Mittag trifft das erste Transferauto ein, dann heißt es nacheinander endgültig Abschied nehmen. Nach Sachsen, Thüringen und Nordrein-Westfalen gehen nun ein Füllhorn an Eindrücken, unzählige Fotos und manches kleine Mitbringsel auf die Heimreise.
Wenn die Reiselust dann wieder groß wird, bleibt auch bei einem neuen Paris-Abenteuer noch so viel Neues zu entdecken. Daher ist Paris - auch laut Audrey Hepburn - einfach immer eine gute Idee. In diesem Sinne, gerne bis zur nächsten Entdeckungsreise an der Seine,
Ihre Antje Kahnt
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