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Single–Wanderreise Bretagne

Reisebericht: 20.06. – 30.06.2026

Weit entfernt-die Bretagne. Dann ist man in einer anderen Welt

Lutz Finkler

Ein Reisebericht von
Lutz Finkler

© Lutz Finkler (Eberhardt TRAVEL) © Lutz Finkler (Eberhardt TRAVEL) © Lutz Finkler (Eberhardt TRAVEL) © Lutz Finkler (Eberhardt TRAVEL) © Lutz Finkler (Eberhardt TRAVEL) © Lutz Finkler (Eberhardt TRAVEL) © Lutz Finkler (Eberhardt TRAVEL) © Lutz Finkler (Eberhardt TRAVEL) © Lutz Finkler (Eberhardt TRAVEL) © Lutz Finkler (Eberhardt TRAVEL) © Lutz Finkler (Eberhardt TRAVEL) © Lutz Finkler (Eberhardt TRAVEL)

20.6.2026 Beginn der Hinfahrt

Eine mühevolle An- und Abreise ist nötig, wenn man mit dem Bus in die Bretagne fahren will – schließlich ist es von Dresden weiter als bis nach Rom. Wenn man dann aber vor Ort ist, wird man belohnt: mit einem intensiven Licht, mit maritimer, vom Golfstrom beeinflusster Vegetation, bizarren Küsten und Fjorden, rätselhaften Steinformationen und schönen alten Städten.
950 Kilometer hatten einige schon hinter sich, als wir abends in Troyes ankamen.

21.6.2026 Von Troyes nach Vannes

Troyes am Oberlauf der Seine, mit seinen Kirchen, dem Stadtbild und der großen Zahl von Fachwerkhäusern ist vielleicht die schönste Stadt der Champagne. Vom einstigen Reichtum zeugen zahlreiche Stadtpaläste („Hotels“), die in ihrer Mehrzahl nach dem Stadtbrand von 1524 entstanden. Bald waren wir schon mitten in den von Fachwerk geprägten Straßen der Innenstadt. Am Platz des barocken Rathauses vorbei ging es östlich in Richtung der Kathedrale. Mit dem Hotel Dieu-le-Conte und dem Anwesen Petit Louvre, mit mittelalterlichem Turm, betraten wir die von Seine und Kanal begrenzte Dominsel im Osten der Altstadt. Zentrales Gebäude hier ist die berühmte Kathedrale St.Pierre et Paul, die zu den herausragenden Kathedralen Frankreichs gehört.
Noch einmal 600 Kilometer waren zu fahren, ehe wir Vannes am Golf von Morbihan erreichten. Nun waren wir aber mitten in der Bretagne und am Ausgangspunkt für Erkundungen magischer Wälder und rätselhafter monumentaler Steinanhäufungen.
Die Bretagne, südwestlich an die Normandie anschließend und wie ein Horn aus dem französischen Geografiekörper hervorstehend, ist mit 27.000 qkm etwa 1 ½ Mal so groß wie Sachsen. 150 x 250 km Fläche werden von 1200 km Küste umrandet, je nach Messung kommt man auch auf 2.500 km. Im Ärmelkanal im Norden und dem Atlantik im Süden gibt es 800 Inseln, von denen die meisten unbewohnt sind. Nirgends außer in Japan finden sich solche Tide-Rekorde wie hier, der Unterschied kann bis zu 14 m betragen. Gneis, Sandstein und Schiefer finden sich in den Bauwerken wieder. Die Bretonen sind Nachfahren von keltischen Einwanderern von den britischen Inseln und Irland. Diese brachten die keltische Sprache mit, auf der das Bretonische basiert und das man heute wieder studieren kann. Die Landschaft im Inland nennt man Bocage: grün, viele bewachsene Steinwälle, reich an Einzelbäumen.

22.6.2026 Im Wald von Brocéliande und in Vannes

50 Kilometer von Vannes entfernt befindet sich der Wald von Brocéliande, der größte noch zusammenhängende Wald hier und ein kläglicher Überrest dessen, was Lancelot und Merlin, sollte es sie denn gegeben haben, gesehen haben könnten. Magische Quellen und grüne Tümpel ziehen viele Menschen, auch Gralssucher, an. Die Artussage, wohl zu keltischer Zeit über den Ärmelkanal getragen, soll nach den Vorstellungen der Bretonen hier stattgefunden haben. Eine kurze Wanderung durch den Wald führte uns zu der Quelle von Barenton. Ausgangspunkt ist eine kleine Häuseransammlung mit dem Namen „Folle Pensée“ (Verrückter Gedanke). Den Blasen im Wasser der Quelle, die bereits im 12.Jh. erwähnt wird, wird heilende Wirkung zugeschrieben, unter anderem bei Wahnsinn.
Später starteten wir von Tréhorenteuc eine Wanderung, die uns zunächst an einem Bächlein entlang führte, das das Val sans Retour (Tal ohne Wiederkehr) formt. Was hier noch zwei Wochen vorher gluckerte, war nun fast ausgetrocknet, nur einige Pfützen waren noch zu sehen. Noch beschützte uns das Laub vor der gnadenlosen Sonne, aber die Hitze setzte uns bereits zu. Hier befindet sich der „Arbre d’Or“ (der goldene Baum), der uns tatsächlich mit Goldfarbe angestrichen entgegen leuchtete, und der See „Feenspiegel“, in dem Morgane, eine aus Cornwall stammende Prinzessin, Halbschwester von Artus und Schülerin Merlins, ihr Unwesen trieb. Die von ihr gefangen gehaltenen untreuen Ritter wurden von Lancelot befreit, der dazu ein ganzes Arsenal an Sinnestäuschungen überwinden musste. Später ging es aus dem Tal heraus, und bald, nach etwa zwei Dritteln der geplanten Wanderung, musste uns der klimatisierte Bus abholen.
Gegen Abend führte uns Kristin in bewährter Manier durch Vannes. Die Altstadt mit schönen Ecken betritt man im Süden an der Place Gambetta, im Rücken hat man dann den kleinen Hafen. Man geht durch die Porte St.Vincent bis zum Altstadtplatz des Lices. Vincent Ferrer war ein spanischer Kleriker, der im frühen 15.Jahrhundert die Bürger von Vannes wieder zum rechten Glauben führen sollte. Im Osten der Altstadt findet sich die ortsbildprägende Stadtmauer und den nahen Waschhäusern. Der Park im französischen Stil, mit dem die Stadtmauer inszeniert wird, wurde in seiner heutigen Form erst in jüngerer Zeit angelegt. Der zentrale Place des Lices war früher Austragungsort von Ritterturnieren. In der Rue des Halles befindet sich das Maison de Vannes mit dem viel fotografierten Holzfiguren "Vannes et sa femme"(Vannes und seine Frau). Fachwerk gibt es reichlich und zum Teil hervorragend restauriert.

23.6.2026 Der Tag der Steine

Niemand stellt sich die Bretagne ohne ihre Megalithkultur vor. Ihre imposanten Steinreihen und-anhäufungen (Menhire und Dolmen) lernten wir in Carnac kennen. Sie entstanden 4000 – 2000 vor unserer Zeitrechnung und gehören somit der Jungsteinzeit an. Damals sollen hier 100.000 Menschen gelebt haben. Von denen weiß man aber trotz ihrer vielen steinernen Zeugnisse wenig. Es ist zu vermuten, dass diese mit Astrologie, Sonnenkult, Begräbnis- und Fruchtbarkeitsriten zu tun haben. Die Intensität, die sie ausstrahlen, ist nicht zu verkennen und lässt einiges an gestalterischer Kraft spüren. In Carnac ist alles auf die Eigenschaft als „Hauptstadt der Megalithkultur“ ausgerichtet. Dolmen und Menhire gaben der ganzen Küste Cote des Megalithes den Namen. Kaum jemanden lassen diese Monumente unbeeindruckt, gerade auch, weil sie durch ihre ungeheure Anzahl wirken. Am Infozentrum begann unser Rundgang. 1050 Menhire in 11 Reihen mit O-W-Ausrichtung gibt es hier. Es schließen sich die Steinfelder Kermario und Kerleskan an, insgesamt auf einer Länge von 4 Kilometern und einer Fläche von 40 Hektar. Wir gingen nicht den ganzen Weg, sondern bogen ab zum Tumulus St. Michel, einer jungsteinzeitlichen Grabstätte von der Höhe eines kleinen Berges, von dem man eine hervorragende Aussicht hat. Es handelt sich hier um den wahrscheinlich größten Grabhügel Kontinentaleuropas. Der Weg wirkt durch eine üppige Bepflanzung paradiesisch.
Danach besuchten wir Locmariaquer, wo man in einem Museumskontext drei der imposantesten Steinsetzungen finden kann: den rekonstruierten Dolmen Table des Marchands (Tisch der Kaufleute), den Grand Menhir Brisé, einen in vier Teile zerbrochenen Monolith von 20 m Länge und 300 Tonnen Gewicht, sowie den Grabhügel Tumulus Er Grah. Nirgends kann man besser nachvollziehen, wie steinzeitliche Grabstätten hier aussahen.
Gegen Abend erreichten wir Quimper, unseren Stützpunkt für Unternehmungen der nächsten Tage.

24.6.2026 In den Dünen und in Concarneau

An der Kapelle Notre Dame de Tronoen, die mit ihrem spitzen Turm noch weithin zu sehen blieb, begann unsere Wanderung in den Dünen am Strand von Penmarc’h. Spektakulär ist der Calvaire neben der Kirche, ein Sockel mit Szenen der Passion Christi, wahrscheinlich schon aus dem 15.Jh. und damit der älteste der Gegend. Teils von der Seeluft schwer zerfressen, zeigen die zahlreichen Figuren u.a. eine gar nicht schamhafte Maria im Wochenbett mit entblößter Brust. Die Pointe de la Torche („Fackelspitze“) ragt ins Meer hinein und beherbergt sowohl eine keltische Grablege wie auch deutsche Bunker.
Auch heute mussten wir die Wanderung um die Hälfte kürzen, aus den bekannten Gründen. Während die einen unter den wenigen Bäumen Schatten suchten, taten die anderen auch etwas Sinnvolles: sie badeten am schönen Strand. Wieder holte uns der Bus „mittendrin“ ab und fuhr mit uns bis zum eigentlichen Ziel, dem Leuchtturm von Eckmühl. Hier sollte es eine Mittagspause zur Verpflegung geben, aber das wurde nichts: es gab keinen Strom, die wenigen Leute, die man hier sah, begnügten sich mit lauwarmen Getränken…mehrere Kernkraftwerke waren abgeschaltet worden, wegen mangelnder Kühlung. Jeden Tag neue Pannen.
Also nach Concarneau! Man muss auf den Stadtmauern gehen. Die Ville Close mit Ursprung im 15.Jh. ist die beeindruckende kleine Festungsstadt, die Vauban, der Festungsbaumeister Ludwigs XIV, mit einer gigantischen barocken Verteidigungsanlage erweitert hat. Am Belfried am Eingang zur Ville Close befindet sich eine sehenswerte Sonnenuhr ("die Zeit schreitet fort wie der Schatten"). Man hat auch einen guten Blick auf die Hafenpromenade, wo sich das L’Amiral, das Lieblingslokal des Fernsehkommissars Dupin befindet.

25.6. 2026 An der Pointe du Raz

Auch eine der bemerkenswertesten Wanderungen auf dieser Reise musste stark gekürzt werden. Nur verhältnismäßig kurz wanderten die meisten von uns auf den Wegen entlang der Steilküste bis zur Pointe du Raz (raz ist bretonisch und bedeutet „rasen“, Bezug ist die schnelle Meeresströmung). Das französische „land’s end“ ist ein wildes Kap von 72 m Höhe über dem Meer. Da es danach für ein Picknick auf den dafür vorgesehenen Tischen am Besucherzentrum schon wieder zu heiß war, fuhren wir ein paar Kilometer bis zu einem Strand. Hier machten wir Picknick mit dem berühmten "Triumvirat" der normannischen Käsesorten Camembert, Pont l'Evèque und Livarot. Auch baden konnte man hier wieder. In gelöster Stimmung überraschte uns ein anderer „Raz“: ein Hagelschauer mit rasantem Temperaturabfall durchnässte alle bis auf die Knochen, so dass im Bus plötzlich die Heizung angemacht werden musste. Da machste was mit! Da die meisten keine Kleidung zum Wechseln dabei hatten, ging es statt nach Locronan zurück nach Quimper, wo wenigstens noch Zeit zum Shoppen blieb.

26.6.2026 Quimper, Ile Grande und Lannion

Der Name der 60.000 Einwohner zählenden Stadt Quimper leitet sich vom bretonischen „kemper“ ab, was „Zusammenfluss“ bedeutet. Es fließen hier Steir und Odet zusammen. Die Cornouaille, grünster Landstrich der Bretagne mit Blumen und Palmen, heißt auf Englisch „Cornwall“ und verdeutlicht auch sprachlich die Übereinstimmungen mit SW-England. Quimper ist eine Bischofs- und Fachwerkstadt, die durch die bleigraue Kathedrale St. Corentin geprägt wird, deren schöne Turmspitzen aus dem 19.Jh. stammen. Der Chor driftet leicht links ab, aus Rücksicht auf eine ältere Kapelle oder aber aus Wasserschutzgründen. Zum Odet gibt es Reste der Stadtmauern. Geprägt wird hier das Bild auch von einem Dutzend Brücken über den Fluss, die reich mit Blumen geschmückt werden. Interessant sind die Viertel um die Hauptstraße Rue Kéréon und der Place Terre au Duc mit seinen schiefen Fachwerkhäusern. Unsere Führerin Claudia imponierte mit einer Fülle interner Quimper-Geschichten.
Bald brachen wir zum zweiten Teil unserer Wanderungen an die Nordküste der Bretagne auf. Dazu mussten wir das hügelige Inland durchqueren. Wir erreichten die Ile Grande, die eigentlich kleine Insel, die sich von uns umrunden ließ. Noch nicht einmal mehr 30 Grad! Wieder hatten wir Dünen und Meer, aber auch hier tauchte eine „Allée Couverte“auf, ein bedecktes Langgrab aus der Jungsteinzeit.
Später gibt es eine Verkostung bretonischen Whiskys bei Warenghem in Lannion.

27.6.2026 An der Rosa Granitküste und bis St.Malo

Dank gesunkener Temperaturen konnten wir einen weiteren Höhepunkt dieser Reise, die 14 km lange Wanderung von Trégastel entlang der verschlungenen Küstenlinie nach Trestraou, endlich komplett durchführen. Wir befanden uns an der Cote du Granit Rosé, der rosa Granitküste. Unzählige rosa Felsen, die wie zufällig ins Wasser geworfen erscheinen, säumen den Weg, ebenso wie teils kitschige Märchenschlösser. Eindrucksvoll ergänzen die wilden Bäume, u.a. Monterrey-Zypressen, die manchmal an japanische Tuschebilder erinnernde Szenerie. Der kleine Strand von St. Guirec bezieht seinen Namen von einem Heiligen, der hier mit einem Schiff anlandete. Am Strand gibt es einen mittelalterlichen Bildstock zu Ehren des Heiligen. Hier beginnt auch der Zöllnerpfad, der uns kurzweilig zum Strand von Trestraou führte. Einige widmeten sich in der Pause dem Verzehr von Meerestieren.
Schließlich waren noch einmal 170 km bis nach St. Malo zu absolvieren, wo wir in einem Hotel direkt an der Stadtmauer unterkamen, dem „Chateaubriand“. Das auch hier die Klimaanlage nicht funktionierte, warf niemand mehr aus der Bahn, zumal nachts das Fenster wieder aufgemacht werden konnte.
Die graubraune Stadt wirkt wie eine Festung in imposanter Lage und ist von drei Seiten vom Meer umgeben. Die Altstadt intra muros, innerhalb der dicken Mauern (auf denen man gehen sollte), wurde zu 80 Prozent im alliierten Bombenhagel zerstört. Wie Le Havre und Brest ist St. Malo ein wichtiges Zeugnis des Wiederaufbaus. 33 verlorene Gebäude wurden kopiert. Neubauten wurden im selben Material wie die Altbauten errichtet, aber die Enge der mittelalterlichen Stadt wurde vermieden. Letztere ist nur noch auf der Höhe der Burg wahrzunehmen. Insgesamt wirkt die Stadt kühl, aber sehr beeindruckend. Die Burg am Stadteingang, die Herzogin Anne, die „Kleine Bretonin“, bauen ließ (und zwar nicht für, sondern gegen die Stadt) ist heute Rathaus. Oben weht die Stadtflagge mit dem bretonischen Wappentier Hermelin (Hermeline sollen laut Legende lieber sterben, als sich zu beschmutzen), unten die französische.

Mont St. Michel, Austern in Cancale und die Pointe de Grouin

Der 50 km östlich von St. Malo gelegene, weithin sichtbare Berg des Heiligen Michael mit seiner Silhouette und seinen Bauten wurde schon „Wunder des Abendlandes“ und „Leuchtturm der Christenheit“ genannt. Er ist nach dem Eiffelturm Frankreichs meistbesuchtes Denkmal und ein Höhepunkt jeder Reise in den Westen Frankreichs. Vom Andrang sollte man sich nicht schrecken lassen, sondern sich diesen in dem Ausmaß bereits im Mittelalter vorstellen, als der Mont St.Michel bereits Pilgerort war. Der Deich von 1877, der den Zugang für alle ermöglichte, wurde inzwischen aus Renaturierungsgründen weitgehend durch eine Stelzenbrücke ersetzt.
97 ha misst die Inselanlage, ab 80 m Höhe hat man den Level der Abteikirche erreicht, 157 m über dem Meer erreicht der markante Vierungsturm, der übrigens, wie auch die Michaelsskulptur darauf, aus dem 19.Jahrhundert stammt.
Für so eine imposante Anlage gibt es natürlich einen Gründungsmythos. 708 wurde Bischof Aubert von Avranches vom Erzengel Michael in einem Traum aufgefordert, auf dem Berg eine Kirche für ihn zu gründen. Der Bischof war seinen Träumen gegenüber aber skeptisch, so dass der Erzengel handgreiflich werden musste und das Haupt Auberts „berührte“. Dieses Haupt, das sich jetzt im nahen Avranches befindet, zeigt eine runde Öffnung in der Schädeldecke. Diese Heiligengeschichte kann man übrigens auch als Relief beim Rundgang durch die Anlage erleben.
Der Bau der Abtei ging sehr langsam voran wegen technischer und statischer Schwierigkeiten. Immer wieder gab es Einstürze und obendrein Brände. Erst um 1150 konnte die heutige Kirche mit ihren normannisch-romanischen „fetten“ Wänden vollendet werden. Der elegante Chor, Ersatzbau für den eingestürzten Vorgänger, entstand von 1448 bis 1513, wirkt aber hoch- und nicht spätgotisch.
Steigt man auf dem Rundgang in die Räume unterhalb des Kirchenbodens ab, gelangt man in ein schwer zu fassendes Labyrinth von Räumen und Gängen. Nach zahlreichen Zerstörungen kamen im 13.Jh. durch Anstrengungen des französischen Königs Philippe Auguste, der den Gedanken unterstützte, aus dem Mont St.Michel eine französische Bastion zu machen, weitere Klosterbauten hinzu, zusammengefasst in dem Wunderwerk La Merveille: der riesige mehrgeschossige Bau im Norden der Anlage beherbergt mehrere gotische Säle, das Refektorium von 1220, und oben, als hängenden Garten, den Kreuzgang.
Im 14.Jh. und vor allem in der ersten Hälfte des 15.Jh. musste die Abtei im 100jährigen Krieg viele Angriffe der Engländer über sich ergehen lassen. Es ist die Zeit, in der die Anlage zur Festung ausgebaut wird. Mont St.Michel wird zum Symbol des Widerstandes. Die Lage im Meer und der gewaltige Tidenhub machten weder eine Belagerung zu Lande noch eine zu Wasser möglich.
Seit der Revolution ab 1789 wurden nicht nur die Mönche vertrieben, sondern der Mont St. Michel wurde für Jahrzehnte, bis 1863, ein Gefängnis. In die Sakralbauten wurden Zwischengeschosse für die Gefangenen eingezogen. Die Anlage wurde zwar extrem heruntergewirtschaftet, durch die Nutzung aber vor einem Dasein als Steinbruch bewahrt. 1872, im Zuge des aufkommenden Denkmalgedankens, begannen erste Restaurierungsarbeiten.
Das kleine Städtchen Cancale, das sich malerisch den Berg hinaufzieht, ist das Austernzentrum Nordfrankreichs, 6000 t werden jährlich geerntet. Am Austernmarkt direkt am Hafen kann man sich auf den Treppenstufen zur Verzehrprobe niederlassen. Wir taten das gutgelaunt, die Austern ergänzten wir mit Brot und Wein.
Die nahe Pointe du Grouin war dann Ort der letzten Umwanderung eines Kaps auf dieser Reise.

Rouen und Reims

Nun begann die lange Rückreise in den Osten, die auch wieder zwei Tage dauern sollte. Aufgelockert wurde die lange Fahrt durch einen Stopp in Rouen, der Hauptstadt der Normandie. Nicht nur das Feuerwerk der Flamboyant-Gotik, die Kirche St.Maclou, sondern auch deren "Sozialstation", ein ehemaliges Fachwerk-Krankenhaus, waren hier unser Ziel, sondern auch die Kathedrale mit ihrer wie aus Spitze gefertigten Fassade, die dem Maler Monet als "Gegenstand" über dreißig Mal diente. Schließlich wurde der Alte Markt aufgesucht, angeblich Ort der Hinrichtung von Jeanne d'Arc, dieser rätselhaften 19 Jährigen aus dem frühen 15.Jahrhundert.
Der Abend sah uns dann in Reims, wo einige noch die Fassaden der berühmten Königskathedrale in Augenschein nehmen konnten. Unvergesslich ist der Lachende Engel des linken Portals.


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