Große Schweizreise mit dem Zug
Reisebericht: 08.09. – 16.09.2026
Die Grand Tour – mit der Bahn durch die Schweiz – ein spektakuläres Erlebnis, 1102 km durch die Alpenrepublik.
Ein Reisebericht von
Vivian Kreft
Alle Wege führen nach St. Gallen
Aus vielen Teilen Deutschlands strömen wir zusammen: aus Düsseldorf, Frankfurt, Leipzig, Dresden und Berlin. Wir fahren mit dem Zug, dem Auto oder fliegen. Treffpunkt: St. Gallen, Hotel Walhalla, 15.30 Uhr in der Lobby.
Und es klappt. Die fliegenden Gäste bekommen schon einen ersten Vorgeschmack auf die nächsten Tage: Der Zug vom Zürcher Flughafen bringt uns wie auf einem fliegenden Teppich nach St. Gallen. Die Bahn legt sich in die Kurve, wie wenn sich unsereins weich in den Hüften wiegen würde. Es geht durch sattes Grün, für das Auge angenehme Ortschaften rechts und links der Strecke.
Das Hotel Walhalla liegt wenige Schritte vom Bahnhof entfernt. Die Zimmer und Einbauschränke sind hochwertig, es ist noch nicht lange her, dass es einen zeitgemäßen Look erhielt.
Am Nachmittag geht es zur Stadtführung. Unser Weg führt über den Roten Platz, gestaltet von Pipilotti Rist, am Textilmuseum vorbei durch die Altstadt. Gotik, Barock, Jugendstil, die schönen Hausfassaden wechseln sich ab. Zunächst mit Leinen, dann mit Baumwolle, dann mit Spitzen ist die Stadt reich geworden, was in den Stadtbauten manifestiert ist. An einigen der 111 Erker kommen wir vorbei. Mit der Wirtschaftskrise kam der Einbruch, geblieben ist das sehr harmonische Stadtbild von St. Gallen. Die Innenstadt ist autofrei und so laufen wir mit hochgereckten Köpfen durch die Straßen und Gassen. Ruhig ist es im Zentrum, beschaulich. Wie wenn das Leben woanders stattfindet. Uns gefällt es.
Die Stiftskirche ist einer der wenigen Barockräume in der Schweiz. Verhalten, elegant, aus einem Guss. Ein weiter, hoher Raum. Die Sage um St. Gallus ist in verschiedenen Szenen abgebildet, die wie eine Theaterszene aus Stuck gearbeitet sind.
Die eigentliche Kirchenfassade mit den zwei Glockentürmen – wie dunkel die Glocke im Ton schlägt, als wir heraustreten – ist auf der Rückseite. Ein schöner Rücken kann auch entzücken. Zum Stadtplatz gelegen hätte der Spaziergänger bzw. die Stadt mehr von ihr, ist doch eine Kirchenfassade raumbildend.
Zuletzt besuchen wir die Stiftsbibliothek, die zum UNESCO Welterbe gehört. Ein barocker Raum mit Bücherregalen von oben bis unten, umkränzt von einer durchgehenden Empore. Sie schwingt nach vorne und nach hinten, Putti symbolisieren die verschiedenen Wissen-schaften. Ein Festsaal für die Buchkunst und die Wissenschaft.
Mit dem Voralpen–Express nach Luzern
Über Nacht gab es ein heftiges Gewitter, das einige von uns gehört haben. Die anderen ha-ben fest geschlafen. Und alle sitzen ausgeruht am Frühstückstisch.
Unsere Koffer werden mit einem Gepäckdienst nach Luzern gefahren und so machen wir uns leichtfüßig zum Bahnhof.
Von hier aus fährt der Voralpen-Express nach Luzern, zunächst über das höchste Eisen-bahnviadukt der Schweiz mit 99 Metern. Dann geht es durch das Appenzell nach Wattwil, weiter nach Rapperswil. Hier fahren wir über dem Seedamm auf die andere Seite des Zürich-sees nach Pfäffikon. Von hier steigt der Zug in die Höhe, überquert den Hirzel, wo Johanna Spyri, die Autorin von „Heidi“ geboren worden ist. Runter geht es zum Zuger See, entlang von Wiesen mit reich tragenden Apfelbäumen. Dann sind wir auch schon in Küssnacht am Rigi. Bekannt ist der Ort durch die berühmte Hohle Gasse, in der Wilhelm Tell den grausamen Landvogt Gessler mit seiner Armbrust erschossen hat.
Und dann sehen wir den Vierwaldstätter See und erreichen kurz darauf Luzern. Am Bahnhof-sportal des ehemals prächtigen Bahnhofs treffen wir unsere Stadtführerin Sofie, die uns Lu-zern in den nächsten zwei Stunden zeigt.
Zunächst geht es in die Jesuitenkirche, einem der seltenen Barockbauten in der Schweiz. So haben wir zwei der wenigen Barockbauten schon in den ersten beiden Tagen unserer Reise gesehen: gestern die Stiftskirche in St. Gallen, heute die Jesuitenkirche. Auch sie, wie jene in St. Gallen, von süddeutschen Stuckateuren aufs Schönste verziert. Die Schweizer sind bo-denständig. Das Leichte, die Rocaillen, die Verzierungen, musikspielende Putti, das lag ihnen nicht. Doch haben sie auch nicht darauf verzichten wollen, und so kamen die Handwerker aus Süddeutschland und hinterließen zwei Kirchenbauten, die in der Schweiz ihresgleichen suchen. Das Kirchenschiff ist hell, verhalten in seinem Schmuck, elegant. Und wir haben das Glück, noch ein wenig Orgelmusik aufschnappen zu können.
Das Wehr ist eine technische Meisterleistung. Zum einen liefert es Strom, doch das Beson-dere ist das Wehr an sich, das alleine mit Holzpaddeln sich der Reuss entgegenstemmt.
Jede Ecke der Altstadt ist schön. Der Kornmarkt mit dem Haus der Pfisterer, der Bäcker, darunter die Lagerhalle für das Getreide, das mit dem Schiff angeliefert wurde. Auf dem Weinmarkt spielte man zu Ostern religiös Erbauliches. Zuletzt die berühmte Kapellbrücke. Dass die meisten des Bilderschmucks einem Brand 1993 zum Opfer fielen, das bleibt ein Menetekel. Interessant ist, dass die Schweizer in einer Volksabstimmung 2014 dafür ge-stimmt haben, die Kopien der Bilder nicht aufzuhängen. Sie bleiben ehrlich.
Nach der Tour laufen wir zum Hotel, die Koffer sind schon da, wir können unsere Zimmer beziehen und dann ist Freizeit angesagt. Die einen gehen in die Altstadt und schauen sich das vorher Gesehene noch mal in Ruhe an, die anderen suchen ein Museum auf, man bummelt oder sitzt im Café, dem regenfeuchten Wetter muss man etwas Schönes entgegenset-zen.
85.000 Einwohner hat Luzern, gerade 5.000 mehr als St. Gallen, doch die Stadt pulsiert. Nicht nur durch die Touristen, um sich Luzern anzusehen, auch die Bewohner sind auf den Beinen, Busse und Autos unterwegs, eine lebendige, sehr schöne Stadt.
Mit dem Golden Pass über Interlaken nach Vevey
Das Hotel liegt gerade gegenüber vom Bahnhof, so dass wir nur die Straße überqueren müssen. Von Gleis 13 fährt unser Zug ab, es geht nach Interlaken. Unsere reservierten Plätze sind am Anfang, so dass wir erst mal Strecke entlang des Bahnsteigs machen müssen.
Der Pilatus verhüllt sein Haupt zum Abschied, auch die Rigi mag den Schleier nicht lüften. Nicht schlimm, wir werden noch so viele markante Berggipfel in den nächsten Tagen sehen.
Zunächst geht es am Vierwaldstätter See entlang, an Sarnen vorbei und Lungern. Irgendwann „holt“ der Zug seine Zahnstange „heraus“ und klettert mit uns bergan. Brüning-Hasliberg mit 1001 m ü.M. ist der höchste Punkt der Strecke. Nun geht es runter ins Tal und entlang des Brienzer Sees, dessen Wasser eine wunderbare Farbe hat. Auf der anderen Seite fällt das Ufer steil ins Wasser und dennoch steht dort ganz allein ein Hotel, das berühmte Grandhotel Gießbach, mit tollem Blick auf das Brienzer Rothorn.
Wir erreichen Interlaken-Ost und haben hier zwei Stunden Aufenthalt. Die einen laufen raschen Schritts die Aare entlang in die hübsche Altstadt, die anderen legen eine Mittagspause ein. Die Gleitschirme schlagen ihre Bögen durch und Luft und fallen wie bunte Seifenblasen vom Himmel. Punktgenau und stehenden Fußes landen sie auf der Wiese, der Höhematte. Von einer der gegenüberliegenden Hotelterrassen kann man das Schauspiel genießen. Und dahinter die Jungfrau. Natürlich lässt sie das verschämte Dämchen heute auch nicht recht blicken. Dann nicht, wir haben genug anderes zu schauen.
Um 14.07 Uhr besteigen wir den Zug namens Golden Pass, der uns über Gstaad nach Montreux bringt. Den einen See kennen wir schon, doch wie der Namen Interlaken sagt, gibt es auch noch einen weiteren: den Thuner See mit seinem edelsteinfarbenen Wasser zur rechten Seite.
Üppig grüne Wiesen, Höfe, schöne alte Häuser, Schober, Wasserfälle, eigenwillige Gipfelformationen und die ganze Szenerie mit Vorder-, Mittel- und Hintergrund, so dass wir was zu schauen haben.
In Zweisimmen machen wir Halt, denn hier passiert ein technisches Wunder: Die Bahn verkleinert ihre Spurbreite während sie fährt. Doch dazu müssen im Stehen erst die Vorbereitungen dazu getroffen werden. Und dann geht es weiter, eine Spur kleiner.
Die nächste Station ist Gstaad, neben St. Moritz der Ort des Jetsets. Ruhig und um so vieles schöner als St. Moritz. Hermes & Co. sind zu sehen, der Zug überquert geradewegs in einiger Höhe die Einkaufsstraße.
Dann folgt ein Bergpanorama, von dem wir unseren Blick nicht wenden können. Weiße markante Gipfel, darunter grüne Matten, Häuser im Schweizer Stil. Das hatten wir doch schon, wendet der aufmerksame Leser ein. Ja, doch nun sieht es wieder anders aus. Und ist so schön.
Der tüchtige Zug windet sich in Kehren mal links, mal rechts rum, schenkt uns neue Blicke und so langsam wird der eine und die andere ein wenig schläfrig. Doch da taucht der Genfer See unter uns auf. Die Ortschaften ändern ihr Aussehen: Steinhäuser mit Balkonen, ein wenig französisch anmutend.
Wir sind noch ein ganzes Stück in der Höhe, queren nun Weinberge, schafft er das, die Ankunftszeit zu halten? Er schafft es, unser tüchtiger Zug. Montreux! Etappenziel fast erreicht. Denn wenn wir schon mal hier sind, so schauen wir uns doch die Statue des Queensängers Freddy Mercury an, der in diesem Jahr 80 geworden wäre und schon mit 45 gestorben ist.
Doch erst einmal geht es direkt gegenüber in die Infozentrale, denn wir sind hungrig auf den Stempel. Für die Grand Train Tour gibt es ein sehr charmantes Büchlein mit Beschreibung der Etappen und Fotos. Mit eigenen Gedanken kann man das Ganze noch bereichern und hat eine schöne Erinnerung an diese besonderen Fahrten. Die Frau hinter dem Schalter guckt ein wenig konsterniert, als wir in geballter Masse auf die Stempelmaschine zusteuern. Als die Hefte gestempelt sind, sind wir auch schon wieder weg, auf dem Weg zum See, der kurz ist.
Die Promenade von Montreux ist wunderschön gestaltet, mit üppigem Blumenschmuck, ausladenden Kiefernästen, die sich über den See strecken. Sind wir in der Schweiz oder am Mittelmeer?
Freddy ist unter seinem Geburtstagsschmuck kaum zu erkennen, nur der Kopf steckt noch raus. Wir laufen weiter zu den Mountain Studios, an die nun noch ein Museum erinnert. Hier nahmen Queen, die Rolling Stones, David Bowie, Earth, Wind & Fire und viele mehr ihre Platten auf. Es muss eine tolle Technik und v.a. sehr gute Techniker gegeben haben, die ihre Kunden rundum zufrieden stellten.
Der Trolleybus hält nicht weit und bringt uns nach Vevey zum Hotel. Dies liegt gerade gegenüber vom Bahnhof, so dass unser Weg morgen sehr kurz ist.
In einem sehr schönen alten Bistro, das zum Hotel gehört, essen wir zu Abend.
Lausanne und durch das Rhonetal nach Zermatt
Am Morgen steigen wir in den Zug nach Lausanne, das wir in 15 min. erreichen. Wir treffen Katia, unsere Gästeführerin, und steigen gleich in die Metro ein. Alle vier Minuten kommt sie, öffnet ihre fünf Türen und gleitet durch die Stadt. Erst seit 2008 fährt sie, führerlos. Eine direkte Abstimmung unter der Bevölkerung hat ungeachtet der Kosten diese zwei Linien ermöglicht.
Die Kathedrale ist beeindruckend. Im romanischen Stil begonnen, in der Gotik abgeschlossen, wunderbar klar und stilrein. Die Ostpforte mit den 12 Propheten ist wunderschön. Die Farbfassung wurde abgeschrubbt, denn nicht durch künstlerische Ansprache, sondern allein durch das Wort Gottes sollten die Gläubigen erreicht werden. Den Propheten konnte das nichts anhaben. Ihr individueller Gesichtsausdruck spricht uns auch heute noch an.
Draußen vor dem Westtor haben wir von der großen Terrasse einen Ausblick auf Lausanne. Das erste Hochhaus der Schweiz ragt in den Himmel. Auf drei Hügeln gebaut, geht es in dieser Stadt nur nach oben oder unten. Interessant ist, dass es keine Ober- und Unterstadt gibt, kein Zentrum am See, keine Promenade, die den Kathedralhügel mit dem See verbindet.
Den Marktplatz mit dem Brunnen der Gerechtigkeit erreichen wir. Justitia schürzt ihren Rock, um zu zeigen, dass sie nichts zu verbergen hat. Zu ihren Füßen gucken Männer jeglichen Stands zu ihr hoch, und nicht unter ihren Rock. Vorbei am schönen Rathaus schauen wir von oben auf ein neues Stadtquartier, das in einem früheren Flusslauf gebaut worden ist. Früher waren es Lagerhallen, ein Quartier, das man besser mied, nun ein lebendiges Szeneviertel mit neuem Straßenbahnanschluss.
Hier trennen sich die Wege der Gruppe. Die einen laufen zurück in die Altstadt, die schöne Geschäfte und Läden hatte, die anderen entscheiden sich für eine Mittagspause am Genfer See. Und als wir alle wieder zusammen sind, hat jeder etwas Schönes erlebt und freut sich auf das Nächste.
Der Zug bringt uns nach Visp, entlang des Genfer Sees mit seinen schönen Seegrundstücken, über Montreux, entlang der Rhone und unzähligen Weinbergen. In Raron grüßt die Kirche vom Hang. Hier liegt Rainer Maria Rilke begraben, 1926 in Montreux gestorben.
Der Zug, der uns nach Zermatt bringt, hat riesige Fenster. Die rund einstündige Fahrt ist spektakulär und enthält alle Besonderheiten einer Schweizer Zugfahrt: Es gibt nur Kurven, auf der Strecke wird die Zahnstange „montiert“, wir passieren Wasserfälle, einen imposanten Bergsturz, der 1983 Zugstrecke und Straße verschüttet hat und immer noch beeindruckend ist in seiner Gewaltigkeit. Der halbe Berg ist heruntergestürzt. Und wir fahren durch Tunnel und Galerien.
Eine Stunde großes Landschaftskino. Zermatt nimmt uns in Empfang und wir laufen durch die fahnengeschmückte Einkaufsstraße, entlang des Bergsteigerfriedhofs zu unserem Hotel. Hier werden wir von sehr nett willkommen geheißen. Die Zimmer sind groß, behaglich und komfortabel, allzu gerne bleiben wir hier für die nächsten zwei Nächte.
Ausflug aufs Gornergrat
Das Bergfest unserer Reise feiern wir heute mit Freizeit. Wir folgen dem Ruf des Berges und fahren mit der Zahnradbahn auf das Gornergrat. Es verspricht ein prachtvoller Tag - Sonne satt heute. Die Fahrt an sich ist schon ein Schauspiel, steil nach oben, Kehren links und rechts, dann geht es durch Galerien. Und immer wieder sucht unser Blick nach dem Einzigen, dem Überragenden, den Schönsten – dem Matterhorn.
Nach 45 Minuten Fahrt sind wir oben, mit Blick auf den Gornergletscher, der mit dem Monterosagletscher gerade unter uns zusammentrifft. Schön gestaltete Tafeln informieren über den Bau der Gornergratbahn und eine Ausstellung setzt das Matterhorn in Szene. Es ist ein Tag wie im schönsten Drehbuch. Wie viele Fotos wird jeder von diesem Berg in der Sonne unter blauem Himmel am Ende des Tages gemacht haben?
Keiner will sich heute an eine Uhrzeit halten, jeder macht sich frei von den Zwängen, denen eine Reisegruppe unterliegt und genießt das Panorama, die Sonne, die Wärme.
Und wer wieder in Zermatt zurück ist, geht ins Matterhornmuseum, besucht den Bergsteigerfriedhof und bummelt durch den Ort. Und glücklich jene, die einen Badeanzug dabei haben, und das tolle Schwimmbad im Hotel genießen.
Zum Abendessen kommt jeder mit seinen heute gemachten Eindrücken und erzählt freudig davon.
Mit dem Glacier Express nach St. Moritz
Ein Sonnentag, der Sonntag. Der Himmel blau, die Berghänge strahlen. Heute geht es auf große Fahrt. Der Glacier Express fährt uns von Zermatt nach St. Moritz, auf einer Strecke von 291 Kilometern führt diese über 91 Brücken, Viadukte und Tunnel. 7,5 Stunden dauert der Genuss. Und so geht es zunächst die uns bekannte Strecke nach Brig zurück, ins Rhonetal. Dann biegen wir gen Osten ab und fahren durch das Goms. Hier in Niederwald ist César Ritz geboren, der die Schule nicht abschließen konnte, sein Glück außerhalb der engen Heimat gesucht und sich als erfolgreicher Hotelier einen Namen gemacht hat.
Nun gibt es Mittagessen und es ist beeindruckend, wie die jungen Servicekräfte die großen Schüsseln auf einer Hand halten, um mit der anderen aufzutun und dabei das Geschaukel der Bahn unentwegt ausgleichen. Wenn wir den Gang entlang gehen, müssen wir uns an den Sitzgriffen festhalten. Und diese aus vielen Ländern kommenden Menschen laufen die vielen Wagons von der Küche bis zu uns, um Getränke zu bringen, vorzulegen, wiederzukommen, nachzufragen. Es ist ihr Job, heißt es dann. Doch die Frage ist, wie man den Job erledigt. Wir sind sehr angetan.
Es geht unter dem Furkapass hindurch. Anstatt wie die Autos oben drüber zu fahren, wurde 1982 ein über 15 km langer Tunnel gelegt, so dass der Glacier Express ganzjährig fahren kann. Wir gelangen nach Andermatt, ein Kreuzungspunkt zweier Bahnstrecken. Der Ort wird weiter ausgebaut mit Bettenburgen, doch schön ist er nicht und so klettern wir den Hang hinauf, auf den Oberalppass: Mit mehr als 2.030 Metern ist er der höchste Punkt unserer Reise.
Durch Galerien, entlang eines Sees, in den Angler ihre Angelrouten auswerfen, geht es nach Disentis. Oberhalb des Bahnhofs aus Jugendstilzeiten steht das Kloster. Das nächste Highlight ist das Rheintal, das vor knapp 10000 Jahren entstanden ist durch den Flimser Bergsturz, den größten nacheiszeitlichen Bergsturz der Alpen. 25 Millionen Tonnen Kalkstein und die Wasserkraft haben diese imposante Schlucht gebildet, durch die der Zug sein 1903 fährt. Mehr als die Bahngleise haben hier auch nicht Platz. Die Autos fahren eine andere Strecke.
In Chur verlieren wir leider unsere „Pole-Position“ am Ende des Zugs mit Fenster nach hinten. Das wäre für das Landwasserviadukt zu schön gewesen. Nun fahren wir an der Spitze. Das Viadukt ist sicher am schönsten vom Aussichtsbalkon gegenüber zu betrachten. Es ist tricky mit den Fotos. Denn der Zug schwenkt aus einer Linkskurve, aus der heraus man nichts sieht, rechts auf das Viadukt und verschwindet im Tunnel. Das Viadukt scheint an den Tunnel geklebt zu sein. Ingenieurskunst auf höchstem Niveau.
Weiter geht es über Schlaufen den Berg hinauf. Wo wir gerade noch unten gefahren sind, sind wir kurze Zeit später schon oben am Hang und schauen hinunter. Wie ein Kreisel zieht der schöne rote Zug seine Bahnen.
Und dann sind wir in St. Moritz. Die Sonne scheint auch hier. Die himmelsleiterlange Rolltreppe führt uns in den Ort, der mausetot ist. Manche Schaufenster haben noch keine Auslagen, da das kaufkräftige Publikum fehlt. Ein Ort in Wartestellung. Wir warten nicht und fahren vom Bahnhof mit dem Bus zu unserem Hotel in St. Moritz Bad.
Das Hotel Laudinella ist mit 200 Zimmern für eine große Gästeschar ausgelegt. Da haben wir Glück, dass es für St. Moritz keine Saison ist und wir uns mit den anderen Gästen an einem sehr vielseitigen Buffet laben können.
Mit dem Bernina Express über Tirano nach Lugano
Wir verlassen den Ort, an dem andere Menschen sich so wohl fühlen.
Uns geht es schon so gut – auch ohne Jetset-Image – die Sonne sendet bereits erste Zeichen, dass sie heute richtig gut drauf ist, die Wolken heben sich und bieten freien Blick zu den Berge und so besteigen wir voller Vorfreude den Bernina Express nach Tirano.
Es geht durch Pontresina zu unserem ersten Highlight, dem Morteratschgletscher. Der Gletscher, den man vom Zug aus sehen kann, ohne auf einen Berg zu steigen. Er ist unglaublich schön, ganz weiß, auch die Berge sind in gleißendes Weiß gekleidet und das Lärchengrün im Vordergrund gibt den Kontrast. Doch auch im Vorbeifahren erkennt man an den Berghängen, wie der Gletscher geschmolzen ist. Seit 1900 ist er etwa 2500 Meter kürzer.
Nun zieht der Zug an, es geht steil bergan zum Berninapass auf 2235 Meter Höhe. Rechts liegen drei Seen, die nach Norden oder Süden abfließen, so dass hier oben eine Wasserscheide ist. Das Wetter ist göttlich, die Landschaft magisch. Wie kann es auf einem Flecken wie der Schweiz so viel Schönes geben?
Auf der Alp Grüm steigen wir aus – 10 Minuten Zeit, um die Berge in Ruhe in den Fokus zu nehmen und doch viel zu wenig Zeit. Nun geht es bergab durch den Wald nach Poschiavo. Die breiten Patrizierhäuser, für die der Ort bekannt ist, erkennt man schon von weitem. Die Bahn fährt auf der alten Fahrstraße dicht am See weiter. Dann warten wir mit Spannung auf den Brusio-Kreisel, auf dem sich die Bahn einmal „um sich selbst“ dreht, um hier Höhe zu verlieren bzw. entgegengesetzt zu gewinnen.
Nach mehr als zwei Stunden fährt die Bahn in Tirano ein und aus den Wagons purzeln die Gäste, die sich wie benommen fragen, was sie gerade alles gesehen haben. Wie gut, dass wir nun mehr als zwei Stunden Pause haben, bevor es mit dem Bus nach Lugano weitergeht. Das Informationsbüro dem Bahnhof gegenüber hat offen und die Stadtpläne sind eine große Hilfe. Dort ist ein Weg durch die Altstadt eingezeichnet, vorbei an Kirchen und Palazzi aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Der Ort war einmal sehr wohlhabend, am Weg der Passstraße in die Schweiz, davon zeugen die Gebäude und Tore. Ein alter, ruhiger Ort. Man sitzt draußen auf der Piazza oder im Innenhof, unterhält sich angeregt und lässt sich ein Mittagessen munden - auch mit einem Glas Wein aus der hiesigen Region Veltlin.
Die Zeit geht im Nu vorbei, wir treffen uns alle wieder und besteigen nun den Bus – gebrandet als Bernina Express. Renato, unser Busfahrer, fährt sehr versiert, gerade die schmale Straße entlang des Comer Sees verlangt ihm einiges ab. Die Informationen, die wir von ihm und mittels einer Broschüre bekommen, sind interessant. Was ist das Veltlin für eine fruchtbare und landschaftlich schöne Gegend! Ein neuer Reiseanlass.
Um 17.30 Uhr erreichen wir Lugano, nehmen die Standseilbahn in die Altstadt. Die Häuser stehen eng, die Laubengänge geben Schatten jetzt im Sommer und schützen bei Regen. Das Gassengewirr lädt zum Bummeln ein, doch wir wenden unsere Schritte zum See, der im Licht des Spätsommernachmittags golden leuchtet. Entlang des Sees laufen wir zu unserem Hotel. Es ist ein wunderbarer Sommerabend; überall sitzen Menschen, trinken etwas und genießen die lauen Temperaturen.
So vergeht der vorletzte Reisetag in der Schweiz wieder mit großem Staunen. Der Tag morgen verspricht ein großartiger Abschluss zu werden.
Mit Zug und Schiff nach Zürich
Der Bus fährt uns zum Bahnhof, wo wir voller Erwartung in den Gotthard Express steigen. Auf der letzten Fahrt fahren wir 1. Klasse. Eine zweite gibt es hier nicht, denn dieser Zug ist nur in der Saison unterwegs als reine Touristenattraktion. An markanten Stellen fährt er langsamer, damit wir fotografieren können. Zudem haben wir den Luxus, eine Reisebetreuerin bei uns zu haben, die uns gute Erklärungen zu den landschaftlichen und kulturellen Besonderheiten der Strecke gibt. Ihre Hinweise, dass auf der linken oder rechten Seite neue Fotomotive auftauchen, lassen uns in den nächsten Wagen springen, hier können wir die Fenster runterziehen.
Um die Höhendifferenz von Bellinzona nach Airolo von 1000 Höhenmetern zu überwinden, werden die Schienen in Kehrschleifen „gelegt“ und der Zug windet sich wie auf einer Spirale nach oben. Das können wir überprüfen, denn die dreimal, die der Zug nach einer neuen Schleife aus dem Berg „herausguckt“, sind wir ein Stück höher. Zunächst sehen wir die nahe Autobahnbrücke nur von unten, dann von oben.
Die Geschichte um den Bau des Gotthards ist immer wieder spannend. 1872 begonnen, rechnete man für die 15 km acht Jahre Bauzeit. Der von beiden Seiten vorangetriebene Tunneldurchstich wies dann eine Differenz von 5 cm in der Vertikalen und von 33 cm in der Horizontalen auf! Was für eine technische Meisterleistung. Und zwei Jahre später, am 1. Juli 1882 nahm der Zug fahrplanmäßig seinen Betrieb auf. Alle Viadukte und Brücken waren bis dahin gebaut, die Schienen gelegt.
Das Höhenprofil zeigt, dass wir über 1000 Meter durch den Berg stechen, während der Gotthard Basistunnel tief unter uns liegt. Mit 57 km ist er der längste Tunnel überhaupt, durch den die Züge in 21 min. durchrauschen. Eine Postkutsche war früher 50 Stunden auf dieser Strecke unterwegs.
Das Wetter ist herrlich und wir erreichen in bester Stimmung Flüelen am Vierwaldstätter See. Wir steigen aus, laufen drei Schritte und sind am Schiffsanleger. Unser Schiff nähert sich breit im Wasser liegend den wartenden Gästen. Auf der „Europa“ reisen wir nun mit zahlreichen Erklärungen zur Geschichte von Wilhelm Tell gen Luzern, vorbei an der Tellskapelle, der Rütliwiese und dem Schillerstein. Brunnen, Vitznau und Weggis sind wunderschön gelegene Orte und laden zur Sommerfrische ein. Sonnenliegen im Rasen, aufgespannte Sonnenschirme – eine Bilderbuchidylle.
In Luzern haben wir Aufenthalt, bevor es weitergeht. Dann bringt uns der Zug geschwind nach Zürich und wir laufen zum Hotel St. Josef. Hier erwartet man uns und unsere Koffer stehen schon in unseren Zimmern. Wie angenehm.
Die Tische sind im Hof für uns gedeckt. Denn bei dem schönen Wetter hatte ich von unterwegs angefragt, ob wir draußen sitzen könnten. Das verspricht einen schönen Abschluss der Reise und des heutigen Tages. Es gibt Zürcher Geschnetzeltes mit Rösti und schmeckt ausgezeichnet.
Der warme Sommerabend lockt den einen oder anderen noch mal raus und dann ins Bett.
Heimreise
Heute ist das Frühstück an keine Zeit gebunden und so genießen wir das und sehen uns dennoch alle im Frühstücksraum.
Das Hotel liegt gerade gegenüber der Altstadt und die malerischen Gassen ziehen uns hierhin und dorthin.
Wie wir gekommen sind, fahren wir nach Hause: mit dem Zug, dem Auto, dem Flugzeug. Und doch sind wir einiges reicher als zuvor: an Eindrücken, Fotos, Erlebnissen.
Liebe Gäste,
es waren leichte und heitere Tage mit Euch.
Eure Begeisterungsfähigkeit und Euer Interesse an all dem, was diese außergewöhnliche Reise uns geboten hat, haben die Tage auf leichten Händen getragen. Ihr habt alles mit Freude wahrgenommen und auch ausgedrückt, was zu einer richtig guten Gruppenstimmung geführt hat.
Ich wünsche Euch alles Gute, Gesundheit und schöne Reiseerinnerungen und freue mich, wenn es ein Wiedersehen geben sollte auf einer anderen Reise,
Eure Vivian
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