Gärten und Schlösser der Normandie
Reisebericht: 09.05. – 19.05.2026
Gärten, Schlösser und Herrenhäuser, malerische Orte und mächtige Kathedralen - die Reise ist unglaublich vielseitig und zeigt die Highlights der Normandie.
Ein Reisebericht von
Vivian Kreft
Anreise nach Reims
Von Dresden an der Elbe über Metz an der Mosel, vom Thüringer Wald über den Pfälzer Wald, von der Hessischen Weinstraße in die Champagne – auf dieser Reise durchfahren wir verschiedene Landschaften, die einen sind vertraut, die anderen neu. Doch über allem liegt der Frühling, das frische Blattgrün, die gelben Rapsfelder leuchten, umrahmt vom satten Grün der Felder. Der Spargel wird gestochen, in Deutschland wie auch in Frankreich.
Die Sonne bricht durch das Grau und als wir durch Thüringen fahren, hat die Weite Tiefe und das Licht gibt Berg und Tal Profil.
13 Stunden sind wir unterwegs, als wir Reims erreichen. Und dennoch wirkt die weite Anfahrt entspannt und auf gewisse Weise auch kurzweilig, weil es so viel zu sehen gibt.
Die Kathedrale von Reims – Chantilly – Château de Vascoeuil
Früh geht es los, damit wir die majestätische Kathedrale von Reims noch vor dem Gottesdienst sehen können, der um 9 Uhr beginnt. Die Straßen sind menschenleer. Wir wären wohl um diese Zeit nicht unterwegs, wären wir zu Hause.
Die Krönungskirche der französischen Könige erhebt sich wie eine Diva über die Altstadt. Stilbildend war sie für andere Kirchenbauten, denn wer guckt sich nicht gerne etwas ab, was er selbst bewundert oder schön findet? Das ist heute so, das war damals auch so.
Die Kathedrale ist um 8.30 Uhr leer, doch leider haben wir kein Glück. Die Kirchendiener haben Mittel- und Seitenschiff für den Gottesdienst bereits gesperrt. Doch wir haben auch so genug zu gucken: die unglaubliche Höhe des Mittelschiffs, die großen Fenster, die wunderbaren Fensterrosetten in der Westwand. Die Kirche ist innerhalb von 100 Jahren errichtet worden. Und da die Bildhauer nicht so schnell nachkamen, die in Auftrag gegebenen 2.300 Skulpturen zu liefern und auch verschiedene Werkstätten beauftragt worden sind, hat man an den Figuren einiges zu gucken. Drei Stile haben sich herausgebildet und der Lächelnde Engel an der Westfassade ist so ein Herzchen, wie sein fröhliches Gesichtchen zwischen den ausgebreiteten Flügeln auf uns herabschaut, dass man verstehen kann, dass diese Figur Sinnbild dafür ist, dass die Kirche nach zwei Weltkriegen immer wieder wie Phönix aus der Asche emporgestiegen ist. Wir nehmen sein Lächeln mit und traben weiter.
Eine Bodenplatte vor der Westfassade weist auf das Versöhnungstreffen zwischen Charles de Gaulle und Konrad Adenauer 1962 in der Kathedrale hin.
Wir laufen durch die Stadt, die klug angelegt ist. Vor dem Opernhaus hält die Straßenbahn. Einige Schritte weiter liegt die Place Royal, über die Ludwig XV. von seinem hohen Sockel aus wacht. Der Wiederaufbau der Innenstadt erfolgte in den 1920er Jahren im Art Déco, so dass öffentliche Gebäude und Handelshäuser mit geschwungener Kurvatur und anderen Stilelementen das Stadtbild verschönern.
Die Trikolore weht durch die Straßen. Am 8. Mai wird dem Ende des Zweiten Weltkriegs gedacht – und ich wünschte, wir würden das auch tun.
Danach geht es nach Chantilly. Paris lassen wir tatsächlich links liegen. In der Anfahrt verstehen wir, dass der Ort als Pferdehauptstadt gilt. Weite Wiesen, grasende Pferde, Höfe. Und dann dieses weite Rund, die älteste Rennbahn Frankreichs, noch heute in Betrieb. Doch wohin sollen wir unsere Köpfe als erstes drehen? Zu den Wasserfontänen, die auf einer sehr schön gestalteten steinernen Parkbrücke plätschern und die wir gerade im Vorbeifahren erhaschen. Oder zu dem prächtigen Marstall, der einem Schloss für Pferde gleicht? Oder zu der Schlossanlage selbst, die wie ein Wasserschloss von einem Graben umgeben, wie ein Solitär daliegt. Dahinter erstrecken sich die wundervollen Park- und Gartenanlagen, die mitunter auf Pläne des berühmten französischen Gartenarchitekten André Le Nôtre zurückgehen, der im Auftrag Ludwigs XIV. die Konzeption für die französischen Barockgärten entwarf und mit Versailles stilbildend war. Es ist schlichtweg überwältigt. Das wird uns spätestens klar, als wir Tickets und Plan in Händen halten und staunen über das „Petit Château“, das in seiner Kleinheit 30 Säle aufweist und mit einer prächtigen Gemäldesammlung glänzt. Das Museum besitzt zudem eine Sammlung von 1300 Handschriften, darunter die „Très Riches Heures du Duc de Berry“, ein Stundenbuch mit 40 Miniaturen. Schloss und Inhalt vermachte Herzog von Aumale dem Institut de France. Er war der Sohn des letzten Königs Frankreichs, der zunächst im Exil lebte und durch die Schenkung von Schloss und Kunstsammlung an den französischen Staat zurückkehren durfte. Zum Glück müssen wir die Frage des amerikanischen Präsident Richard Nixon nicht stellen: „Warum hat man mich siebenmal nach Versailles geführt und niemals hierher?“ – Wir sind hier!
Zwei Stunden haben wir Zeit. Schloss, Garten, Reitstall – was und in welcher Reihenfolge? Und können wir auch auf etwas verzichten? Eigentlich nicht, doch wir bleiben leider nicht zwei Tage. Die Crème Chantilly, die französische Spezialität aus geschlagener Sahne, Zucker und Vanille, die als Topping für Desserts dient, kommt bei unseren Überlegungen nicht mehr vor. Wobei sie uns später über die Abreise hinwegtrösten könnte.
Es wird ein Parforceritt, den wir mit Bravour bestehen. Und dann sitzen wir wieder im Bus und lassen uns über Landstraßen zum Château de Vascoeuil „schaukeln“. Es regnet, wir sitzen bequem und warm und warten ab, was unser nächster und letzter Programmpunkt dieses Tages ist. Es regnet sich ein, doch Gartenfreunde freuen sich auch über Regen und so springen wir munter aus dem Bus – mit Regenjacke und Schirm – und lassen uns von Deborah in Empfang nehmen. Sie erklärt uns, wo wir uns hier befinden: Der letzten Besitzer war Anwalt in Paris und vertrat Salvador Dalì und andere Künstler, sodass eine außergewöhnliche Skulpturensammlung aus Bronze, Marmor und Keramik von Künstlern des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart den Park schmücken. Dieser wird von einem Bach durchflossen und alles schmiegt sich lieblich an- und ineinander – der Bach in die Landschaft, die Skulpturen in Wiesen und Hecken.
Wir schmiegen uns zunächst in das Taubenhaus, hier regnet es nicht. Es wurde aus rotem Backstein im 17. Jahrhundert gebaut und war Wohn- und Brutstätte für rund 2.500 Tauben. Die Tiere wurden gegessen und ihr Mist war ein sehr guter Dünger. Mit leichter Hand vermehrte sie sich, so dass übers Jahr 20.000 Tauben hier ein- und ausflogen. Das einfache und effiziente Drehleitersystem für den Zugang zu den Taubennistplätzen ist bemerkenswert.
Das Haupthaus ist ein Château, obgleich es vielmehr wie ein solides aus dem 14. Jahrhundert stammendes Herrenhaus aussieht mit mächtigen Kaminen auf jeder Etage. Im obersten Turmstübchen lag das Arbeitszimmer von Jules Michelet, der sich zwischen 1843 und1860 hin und wieder zurückzog und die Gastfreundschaft seines Schwiegersohns, der zu jener Zeit Eigentümer des Hauses war, zu nutzen wusste. Der große Historiker schrieb hier einen großen Teil seiner Werke: „Die Geschichte Frankreichs“ und „Die Geschichte der französischen Revolution“.
Es regnet weiterhin, ein schöner Gartenregen. Und die farbigen Regenschirme wetteifern mit der Blütenpracht von Rhododendron, Schwertlilien und anderen. Die Gruppe ist genussfreudig und v.a. wetterfest und kostet Garten und Ambiente aus, bis der Garten schließt. Nun also nach Rouen ins Hotel, wo wir zwei Nächte bleiben.
Stadtführung in Rouen – der Klostergarten in St. Martin de Boscherville – Monets Refugium in Giverny
Nina, unsere Stadtführerin, erwartet uns zu einem Rundgang durch Rouen, der Hauptstadt der Normandie. Besonders sehenswert ist die gewaltige gotische Kathedrale Nôtre Dame, vor der wir uns treffen. Sie hat den Impressionisten Claude Monet zu über 30 Bildern inspirierte. Mit seiner Bilderserie „Kathedrale von Rouen“, die zwischen 1892 und 1894 entstand, gelang ihm der endgültige Durchbruch. Die extreme Nähe zum Motiv und der begrenzte Bildausschnitt waren eine Neuerung. Es fehlt die Distanz zwischen Maler und Objekt. Monet bildete jedoch nicht die Architektur an sich ab, sondern ihre Wirkung in verschiedenen Lichtverhältnissen. Diese Lichtunterschiede werden in den verschiedenen Farben und Farbharmonien der Bilder deutlich.
Das Haus aus der Renaissancezeit, von dem aus er die Kirche in den Blick genommen hat, steht noch. Übrigens mietete er sich dafür in einem Modistinnengeschäft ein. Irgendwie französisch – der Künstler voll konzentriert auf sein Motiv und seine Idee, während um ihn herum die Damen überlegen, wie sie selbst am besten zur Geltung kommen.
Wir sind früh dran, schütteln noch die Regentropfen der Anfahrt ab und laufen durch die Stadt, die gerade zu Leben erwacht. Über den Gerichtshof laufen wir zum Justizpalast, in dessen Fassade noch die Schäden der Granatsplitter des Zweiten Weltkriegs zu sehen sind. Ein Künstler hat die Wunden pfiffig mit bunten Legosteinen verkleidet – was in Reichweite war. Weiter oben freuen sich die Spatzen über die Löcher, pfeifen sich eins und nutzen diese willkommen zum Nistbau.
Der Marktplatz ist imposant. Wo früher die alte Markthalle stand, erhebt sich jetzt in mutiger Architektur eine moderne und ganz außergewöhnliche Kirche. 1979 erbaut, erinnert die Église Sainte-Jeanne-d'Arc de Rouen an die mutige Frau, die für ihre Überzeugung als Ketzerin verurteilt wurde und genau hier 1431 auf dem Scheiterhaufen hingerichtet wurde – mit gerade einmal 19 Jahren. Wenn sie am Leben geblieben wäre, eine Familie gegründet hätte und alt geworden wäre, wie wäre die Historie dann geschrieben worden?
Ganz herrliche, bunte Glasfenster aus einer mittelalterlichen Kirche, die nicht mehr steht, zieren den modernen Kirchenbau. Und wie ein Schuppenpanzer zieht sich das schiefergedeckte Dach als Baldachin über dem Eingang weiter über den Kirchenbau. Ein eindrucksvolles und mutiges Bauwerk.
2.000 Fachwerkhäuser der Altstadt sind rekonstruiert, mit einer Unterkonstruktion aus Beton. Es war nicht mehr viel übrig von der Altstadt, wie uns Nina auf einem Foto zeigt. Die Bewohner sind mit viel Tatkraft und dem Wunsch, ihre Stadt wieder so herzustellen, wie sie sie kannten, zu Werk gegangen.
Die große Uhr im Rathausturm ist eines der Wahrzeichen der regionalen Hauptstadt. Und im Torbogen des Turmes sieht man zu allen Seiten Schafe, die der Stadt mit ihrer Wolle zu Wohlstand verholfen haben. In der Mitte Christus mit dem Lamm Gottes, das auch im Wappen der Stadt zu sehen ist.
Unser nächstes Ziel ist ein Klostergarten. In der Abtei Saint-Georges wurde anhand von Dokumenten aus dem 17. Jahrhundert dieser Klostergarten mit Gemüse- und Obstgarten, Gewürz- und Heilpflanzen, einem Labyrinth und einem Duftgarten neu angelegt. Der Nutzgarten erstreckt sich über vier Terrassen mit alten Gemüsesorten, alten Sorten von Obstbäumen, Weinstöcken und einem Duftgarten, der geschützt an der Kirchenwand liegt.
Die Sonne scheint, über uns ziehen Wolken wie in einem Impressionistenbild vorüber. Zeit, sich aufzumachen zu einem Highlight der Reise.
In Giverny hat Claude Monet ein Haus mit großem Garten gemietet. Als es ihm finanziell besser ging, hat er es gekauft und seinen Seerosenteich angelegt, der ihm Inspiration für 250 Gemälde war. Die Bilder wurden immer größer, so dass er in seinem dritten Atelier auf dem Gelände ausreichend Platz hatte für die zarten Blumen in Riesenformat. Heute ist hier der Museumsshop mit gutem Licht von oben.
Einfach zu merken: Mit 43 zog er dorthin und blieb 43 Jahre dort, bis er mit 86 Jahren starb.
Wir sind nicht alleine, nein, wir sind ganz und gar nicht alleine. Überall stehen und laufen und warten Menschen. Und die berühmte grüne Brücke ist zugewachsen mit Glyzinie und voller Besucher, so dass dieses Bild sich nicht vor einen schieben möge, wenn man künftig mal wieder ein Gemälde aus seinem Garten in einem Museum sieht.
Claude Monet sieht auf den Fotos, die in seinem Haus hängen und sogar am Eingang zu den Toiletten freundlich aus, zugewandt, gemütlich. Ein Mann, der in sich ruht. Zu dieser Gelassenheit kann man kommen, auf einer der Bänke sitzend und die vielfältige Blumenpracht bestaunend, um die sich 15 Gärtner kümmern. Monet hatte auch zehn, die für Farbtupfer, Farbakzente, Farbharmonien und Farbenspiele sorgte. Sein Auge hatte daran Freude, unseres auch.
Auf dem Weg zum Hotel fahren wir wieder um diesen schön bepflanzten Verkehrskreisel: Vier Lindenbäume finden hier Platz, blühende Sträucher und Blumen. Er ist eine Augenweide. Wir kreiseln sozusagen durch Frankreich, da anstelle von Ampeln und Kreuzungen Kreisel den Verkehr leichtgängig regeln: ohne Stau, ohne Gehupe – ganz geschmeidig.
Palais Bénédictine – das Felsentor von Étretat am Atlantik – Jardins Suspendus in Le Havre
Wir fahren gleich morgens zur Likörverkostung nach Fécamp. Der Tag fängt gut an. Der Ort liegt an der Atlantikküste und wirkt ein wenig verschlafen.
Doch in seiner Mitte liegt ein prächtiger Palast: das Palais Bénédictine. Es ist Destille und Museum. 1882 ließ Alexandre Legrand diese repräsentative Produktionsstätte für seinen Likör entwerfen. Mit ihm beginnt der „Spirit-Tourismus“ und er hat ein begnadetes Marketing betrieben. Die Geschichte lässt sich gut erzählen: Der Bénédictine soll auf alte Klosterrezepturen eines Benediktinerklosters zurückgehen. 1863 fand der Unternehmer und Weinhändler Alexandre Legrand in der Bibliothek seiner Familie ein altes Manuskript aus der Abtei, das Studien über die Anwendung verschiedener Kräuter und Gewürze enthielt.
Mit Hilfe eines Apothekers entwickelte er daraus eine Rezeptur für einen Kräuterlikör, den er fortan als Bénédictine vermarktete. Der Benediktinerorden gab statt, das Wappen auf den Flaschen verwenden zu dürfen und Legrand ergänzte „D.O.M. -Deo Optimo Maximo“ - „Gott, dem Besten und Größten“, um an dessen klösterliche Wurzeln zu erinnern.
Das Palais ist hinreißend, ein eklektischer Bau mit Sälen in Neo-Gotik, Neo-Renaissance und Neo-Barock, in denen Ausstellungen über die Geburtsstunde des Likörs, die Herstellung und Vermarktung zu sehen sind wie auch sehr schöne Objekte aus Klöstern und Kirchen, für die Legrand eine Leidenschaft hegt.
Weiter geht es in die Produktionsstätte des Likörs. Mehrere Dienstleister liefern die Kräuter und Gewürze und keiner kennt die Rezeptur, die unter Verschluss liegt. Wir lassen uns weiterhin gerne beeindrucken, auch davon, dass nur fünf Mitarbeiter die Destillate herstellen und mischen und sich auch um die Lagerung kümmern. Die Herstellung läuft weiterhin hier und nirgendwo anders. Was sich geändert haben dürfte über die Jahrzehnte hinweg, ist die Menge: in einem Jahr eine Million Ein-Liter-Flaschen. Und dazu kommen die kleineren Abfüllungen. Dann geht es zum Probieren – drei Flaschen, drei Schlucke und jeder schmeckt anders.
Mit der Wärme im Bauch geht es nach Étretat. Diesen Ort haben die Maler, darunter auch Claude Monet, für sich entdeckt und ihn so gesellschaftsfähig gemacht. Vorher wusste man gar nicht so richtig, dass dieser Fischerort einen malerischen Blick auf die Alabasterklippen bietet mit markanten Formationen. Die Falaise d’Aval sind von Monet in Szene gesetzt, der hier 1883 und 1886 malte.
Wir fahren mit einem Bähnchen zu den Jardins d’Étretat. Diese liegen auf der Falaise d’Amont, wo eine Kapelle und ein Denkmal stehen, das an das tragische Ende der zwei Männer erinnert, die 1927 als erste den Atlantik überfliegen wollten. Weder sie noch ihre Maschine sind je gefunden worden.
Ende des 19. Jahrhunderts erwarben viele Pariser einen Zweitwohnsitz in der Normandie, auch in Étretat. So auch die französische Komödiendarstellerin Madame Thébault, die sich 1905 eine kleine Villa auf der Falaise d'Amont errichten ließ. Sie lässt einen Garten anlegen. Und dieser Garten ist nun in ein neues Konzept gebettet worden und lässt sich von den Formen und Bildern der Küste inspirieren.
2017 entdeckt der Landschaftsarchitekt Alexandre Grivko die Überreste des Gartens und beschließt, dem Ort neuen Schwung zu verleihen. Wir sehen „Wellen des Ärmelkanals“, „Spiralen und Meereswirbel“, „Klippen und Bögen der Alabasterküste“, alles mit Pflanzen arrangiert, in Form geschnitten.
Wir laufen runter zur Promenade, wo zwei Tafeln mit Bildmotiven daran erinnern, was Monet damals gesehen und gemalt hat. Der Ort selbst wirkt verblüht. Er könnte schön sein, doch er wirkt billig.
Weiter geht es nach Le Havre, der größten Stadt der Normandie mit dem zweitgrößten Hafen Frankreichs. Nach den schweren Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg wurde die Stadt nach Plänen des Architekten Auguste Perret mit einem Team von 60 Architekten von 1945 bis 1954 wieder aufgebaut. Der Stadtkern mit einer charakteristischen farbigen Betonarchitektur ist eines von zwei (neben Brasília) Stadtensembles des 20. Jahrhunderts in der Liste des UNESCO-Welterbes. Schon alleine im Vorbeifahren sehen wir die lebendige Fassadengestaltung der Wohnhäuser. Und auch die Parkanlage fällt uns gleich auf, mit Wasserspiel. Kein Barockgarten, doch ein sehr gepflegtes schönes Stück Grün mitten in der Stadt,
Pont de Normandie – Honfleur – Deauville – Calvados–Probe – Jardins du Pays d'Auge
Wir verlassen Le Havre, nachdem wir hier ganz wunderbar geschlafen und steuern den Pont de Normandie an, ein beeindruckendes Bauwerk, von 1969 bis 1971 gebaut, das lange den Weltrekord als Brücke mit der größten Spannweite hielt. 583 m lang ist sie und gebogen wie ein Katzenbuckel. Ein sehr majestätisches Bauwerk, über das wir fahren, um Honfleur zu erreichen.
In der hübschen kleinen Hafenstadt standen auch schon unsere „Malerfreunde“. Monet, Courbet, Sisley, Pissarro, Renoir und Cézanne kamen nach Honfleur und bereiteten damit auch auf gewisse Weise den Boden für einen neuen Bekanntheitsgrad des Ortes. Denn die Stadt war jahrhundertelang ein relativ unbedeutender Hafen. Eugène Boudin, der Maler der Küstenlandschaften, wurde hier geboren.
Mit der Zeit hat sich das Städtchen mit seinen schmalen und sechs Stockwerke hohen Häusern und der Lieutenance, dem Rest einer Befestigungsanlage am Alten Hafenbecken zu einem der reizvollsten Orte der Normandie entwickelt.
Heute ist Biomarkt, die Stände sehen einladend aus, Gemüse und Obst sind malerisch drapiert, als wollten sie einladen, gemalt zu werden.
Die Kirche Sainte Catherine mit dem freistehenden Turm wurde in der Mitte des 15. Jahrhunderts mit zwei Zwillingsschiffen und einer Dachkonstruktion gleich Schiffsrümpfen von Schiffszimmerleuten ganz aus Holz erbaut. Der Innenraum ist eindrucksvoll, wirkt eher wie ein Zunftraum, da die Kirchenausstattung zurücktritt. In einem Schiff wird der evangelische, im anderen der katholische Gottesdienst ausgeübt. Doch die Plätze sind für alle gleichermaßen gedacht.
Die Gassen und Straßen, die kleinen Fachwerkhäuser, die schrägen Fassaden und kleinen Innenhöfe, dazu die vielfältigen, geschmackvollen Läden – wir freuen uns, hier ein wenig Zeit verbringen zu können.
Danach folgen wir der Spur „unserer Malerfreunde“ nach Deauville, wo die Impressionisten ihre Motive fanden. Sie waren Wegbereiter für dieses exklusive Seebad mi einem bedeutenden Yachthafen. Dieser, die Pferderennbahn, die prächtigen Villen und Hotels, das Casino sowie der breite Sandstrand und seine Promenade tragen dazu bei, dass Deauville als einer der elegantesten normannischen Badeorte angesehen wird. Von Paris in zwei Stunden mit dem Zug zu erreichen.
Seit 1975 findet hier alljährlich das amerikanische Filmfestival statt, das ein illustres Publikum anzieht – und das schon seit 51 Jahren. Uns ist dieser Ort ein wenig zu geleckt, der Strand ein ganzes Stück von der Straße entfernt, das Meer nicht sichtbar. Wahrscheinlich sind derzeit nur 25% der Wohnungen bewohnt. Im Sommer wird es anders aussehen.
Die Calvados-Probe ruft und wir folgen fröhlich diesem Ruf. Eine weltbekannte Spezialität ist er, der Calvados, ein hochprozentiger Apfelschnaps, gebrannt aus dem hier in der Normandie üblichen Cidre, dem Apfelwein. Zugelassen sind nur 48 verschiedene Apfelsorten. In der Regel sollten 40 Prozent süße Äpfel, 40 Prozent bittere Äpfel und 20 Prozent saure Äpfel gemischt werden. Über die süßen Früchte kommt der Zucker ins Getränk, der saure Apfel hält Bakterien ab und verleiht Frische. 22.000 Bäume hat unsere Destille selbst und verarbeitet 2.000 bis 3.000 Tonnen Äpfel im Jahr. Die Anlage der Brennerei liegt in einem großzügigen Parkgrundstück mit wunderbarem Baumbestand.
Stimmt, wir haben heute noch keinen Garten besucht. Und so fahren wir zu den Jardins du Pays d'Auge, die in der gleichnamigen Landschaft der Pays d'Auge liegen.
1994 kauften Armelle und Jacques Noppe vier Hektar Grund neben ihrem bereits renovierten Bauernhaus und legten zusammen mit Chantal Lejard Gasson die Jardins du Pays d'Auge an. Fünf Jahre tüftelten die passionierten Baumschulgärtner und die Landschaftsarchitektin an ihrem Werk.
Jeder der rund 30 Stationen bildet einen Gartenraum und steht unter einem Motto. So entstanden der kühle Mondgarten mit silbernem Laub und weißen Blüten und der Sonnengarten, der in den wärmenden Farben des Sommers erstrahlt. Romantisch wird es im Garten der höfischen Liebe. Es gibt einen Garten der Engel und einen des Teufels, in dem giftige Pflanzen wachsen. Die meisten Pflanzen sind in den normannischen Gärten heimisch.
Auf dem Gelände stehen zudem landwirtschaftliche Gebäude, in denen erklärt wird, wie früher gewaschen, gebacken oder gearbeitet wurde. Diese für den Calvados typischen Fachwerkbauten wurden von Jacques Noppe in desolatem Zustand aufgekauft und im Garten wieder aufgebaut, der so zu einem kleinen Freilichtmuseum wurde.
Die Gärten wurden mit dem Gütesiegel „Jardin remarquable" ausgezeichnet.
Und das sind sie wirklich, man fühlt sich mitten in ein normannisches Landidyll versetzt.
Schluss für heute. Auf nach Caen, wo wir die nächsten zwei Nächte bleiben werden.
Stadtbesichtigung in Caen – Mémorial de Caen – Parc Floral de la Colline aux Oiseaux
Caen war einst die Hauptstadt des Herzogtums der Normandie. Die Stadt ist eng mit Wilhelm dem Eroberer verbunden, der hier auch begraben liegt. Über der Stadt thront die gewaltige wehrhafte Burg.
Die Stadt ist im Zweiten Weltkrieg sehr zerstört worden. Doch die Abbaye-aux-Hommes steht stolz und mächtig da und möchte bewundert werden. Wir tun es gerne. Unsere Bewunderung trifft jedoch auf den gerade in der Kirche stattfindenden Gottesdienst zu Christi Himmelfahrt, so dass wir alles stumm bewundern und auch das Grab von Wilhelm the Conqueror nur von der Seite sehen. Beeindruckt sind wir dennoch.
Die Gärten und Parks, die wir bisher besucht haben, erstrahlen in einem wunderbaren Grün. Die Kühe auf den Weiden müssen jeden Tag ein Lächeln auf den Lippen haben, so satt ist das Gras. Als Gartenliebhaber und Kurzzeitbesucher schwankt man zwischen Freude und Enttäuschung, ob des Wetters. Der Morgen begrüßt uns mit starkem Regen und es soll erst am Nachmittag besser werden. So stellen wir das Programm kurzerhand um und das Museum "Mémorial de Caen", das zu den meistbesuchten Museen über den Zweiten Weltkrieg zählt. Es ist sehr interessant zu sehen, wie aus französischer Sicht diese Zeit dargestellt und zwischen den Zeilen eingeräumt wird, dass man viel früher hätte aktiv werden müssen. Auffallend viele junge Leute und Familien mit kleinen Kindern sind im Museum, das schwere Kost ist. Mit 10 Jahren werden die Schüler über den Zweiten Weltkrieg unterrichtet.
„Overlord, Operation Neptune“, mit diesem Decknamen ist für die Franzosen die Militäroperation des Zweiten Weltkriegs beschrieben, die größte, die es überhaupt jemals gegeben hat. Mit der Landung der Alliierten am 6. Juni 1944 an den Stränden der Normandie begannen die Kämpfe, die zur Befreiung von der deutschen Besatzung führten. Ein Jahr dauerten die Vorbereitungen, Soldaten aus USA, Kanada und Großbritannien wurden zusammengezogen, um in einem Streich über den Ärmelkanal gesetzt zu werden. Was für eine Logistik, die Truppen zu bewegen, zu versorgen und auch das schwere Material wie Panzer über den Atlantik zu bringen.
Nach diesem Museumsbesuch müssen wir auslüften und besuchen auf der gegenüberliegenden Straßenseite den Parc Floral de la Colline aux Oiseaux, der zusammen mit dem Museum anlässlich des 50. Jahrestages des D-Days, der Landung in der Normandie, eröffnet worden ist. Das Gelände war eine Mülldeponie und ein besseres Beispiel für gelungene Landschaftsgestaltung im öffentlichen Raum ist kaum vorstellbar.
Der 17 ha große Park hat einen Rosengarten, der wie ein Amphitheater angelegt ist. Beim Vorbeigehen umweht einen der süße Rosenduft. Die Kinder verirren sich mit großer Begeisterung im Irrgarten, während die Erwachsenen dem Schauspiel von einem höheren Rundgang aus zusehen können. Im Hochseilgarten hangeln sich die Größeren entlang, Schafe, Ziegen, Hühner, mehrere Spielplätze und Picknickecken – für jeden ist etwas dabei. Alle haben Freude. Der Park ist picobello in Schuss und Papierchen und anderen Kleinigkeiten, die man „verlieren“ kann, stecken in den Papierkörben.
Ein abwechslungsreicher Tag, der ein wenig früher endet als sonst, was gerne hingenommen wird. Nach dem Abendessen setzt ein solcher Hagel ein, der filmreif ist.
Die Kathedrale in Bayeux – der Soldatenfriedhof in Colleville – Jardin botanique de Vauville
Erst einmal steht die Fütterung besonderer Art an: Unsere „Raubkatze“, wie Benjamin seinen Bus liebevoll nennt, muss gefüttert werden. Nicht jede Tankstelle ist dafür geeignet, denn wir tanken 580 Liter, nachdem wir bisher 2.200 Kilometer hinter uns haben.
Bayeux ist wie durch ein Wunder durch den Zweiten Weltkrieg nicht zerstört worden. Sehr interessant ist die Kathedrale, die zu einer der schönsten der Normandie gehört. Und das können wir nach unserem Besuch nur bestätigen, denn sie weist Besonderheiten auf: Zunächst wurde das Bauwerk romanisch errichtet, 1077 geweiht. Doch Brände machten einen Wiederaufbau in Teilen nötig und so sind die Arkaden des Mittelschiffes romanisch ebenso wie die unteren Turmgeschosse, Triforium und Fensterreihung sind hingegen gotisch. Die Kirche ist weit, hell. In der Krypta sind gut erhaltene Fresken, ungeschützt vor neugierigen Händen, die die Besucher mit den Augen bewundern.
Unter den zahlreichen Soldatenfriedhöfen der Normandie ist der der amerikanische Soldatenfriedhof in Colleville-sur-Mer besonders symbolträchtig. Er gehört zu den meistbesuchten und größten. Eine kleine Landstraße führt dorthin, die nicht ahnen lässt, wohin es geht. 9.837 weiße Kreuze erinnern an die Soldaten, die in jungen Jahren gefallen sind, damit der Krieg endlich aufhören möge.
Hier wäre die Landung der Alliierten beinahe gescheitert. Die schweren Verluste, die die amerikanischen Truppen am Omaha Beach erlitten (über 3.000 Soldaten starben), führte zur Nennung „Bloody Omaha”.
Der Friedhof liegt oberhalb dieses Strandabschnitts. Der Ort ist sehr berührend. Die Rasenkante ist geschnitten, alles ist blitzblank und gepflegt. Eine Parkanlage der Ruhe und Einkehr. Hier lenkt nichts ab, man schaut auf die Reihung der unzähligen Kreuze in gerader, in diagonaler Richtung und ist erschüttert.
War der Himmel am 6. Juni 1944 auch so blau?
Das Besucherzentrum erklärt anhand von Ausstellung und Filmen ausführlich die Operation Overlord. Die Kapelle, das Denkmal und der Garten der Vermissten, es ist ein weitläufiges Areal mit einem schönen Blick aufs Meer.
Wir fahren nach Sainte-Mère-Église für eine Mittagspause. Auf dem Kirchturm hat sich damals ein Fallschirmspringer verheddert, was den Ort bekannt machte. Auf einer Tafel ist zu lesen, dass die Frau des Bürgermeisters sich um die Gräber der Gefallenen kümmerte, sie mit Blumen schmückte, Fotos an die Angehörigen schickte und den Kontakt hielt.
Der Besuch des Botanischen Gartens in Vauville gibt unseren Gedanken wieder eine andere Richtung. Hier, am Ende der Halbinsel Cotentin, liegt diese Oase mit über 1.000 Pflanzenarten von den südlichen Breitengraden, die sich an der Westküste Frankreichs, an der der Golfstrom vorbeizieht, wohlfühlen. Die milden Temperaturen garantieren, dass die Pflanzen üppig gedeihen.
Das Gelände gehört zum Umschwung des Herrenhauses aus dem 17. Jahrhundert. Der Park wurde 1948 von dem Botaniker und Parfümeur Eric Pellerin angelegt und von ihm ausgebaut. In die Fußstapfen seines Sohnes Guillaume Pellerin, der mit seiner Frau Cléophée de Turckheim dem Garten sein heutiges Aussehen gab, setzt nun sein Sohn Eric Pellerin die Verschönerung dieses Schmuckstücks fort. Er führt uns in schönstem Deutsch durch sein Kleinod mit Freude und Begeisterung und stellt uns die Pflanzen wie kleine Persönlichkeiten vor. Wir laufen durch eine Abfolge von grünen Kammern auf einem Weg, der sich hierhin und dorthin schlängelt und auf dem man fürchtet, sich wie in einem Irrgarten zu verlieren.
Nach der Führung lassen wir uns Zeit, die einen laufen zum Strand, die anderen sitzen bei Kaffee und Limonade in der Sonne und genießen es, nicht gleich wieder in den Bus einsteigen zu müssen.
Daraufhin fahren wir nach Cherbourg, wo wir übernachten.
Jardin des Plantes in Coutances – Zoo de Champrépus – Führung durch eine Glockengießerei
Im Städtchen Coutances drehen sich schon die großen Hühner am Spieß, bauen sich Stände auf, als wir ankommen, wenig später steht eine Schlange am Festzelt. „Jazz sous les pommiers“ – Jazz unter den Apfelbäumen wird hier die nächste Woche gefeiert.
Die Kathedrale Nôtre Dame, Zeugnis eines imposanten Bischofssitzes, überragt alles und ist Blickfang. Die Türme stammen aus dem 11. Jahrhundert, das Kirchenschiff aus dem 13. Jahrhundert. Was für ein Licht, was für eine Weite, als wir sie betreten. Die Seitenschiffe haben keine Wände, sondern sind durch Maßwerkfenster getrennt. Die hohen Fenster in der Vierung spenden Licht und der hohe Doppelsäulenkranz im Chor ist nicht nur breit, auch hier fehlen die Wände zwischen den Kapellen. Wir haben schon so viele schöne Kirchen gesehen, die übrigens alle Nôtre Dame heißen, und sind auch hier wieder sehr beeindruckt von der Eleganz, der Zurückhaltung in der Ausstattung, in ihrer Größe – im doppelten Sinn.
Wir laufen weiter zum Jardin des Plantes. Ursprünglich ein Privatgarten, ging er 1852 als Stadtpark in die öffentliche Hand über und wurde umgestaltet. Der Park ist ein hervorragendes Beispiel für den hohen Qualitätsstandard in Frankreich, mit dem Grünflächen hier angelegt und gepflegt werden – selbst in der Provinzstadt.
Wie es sich für einen Samstag gehören könnte, besuchen wir daraufhin den Parc zoologique de Champrepus. Der Zoo ist unglaublich schön gestaltet. Eine Führungslinie nimmt uns die Überlegung ab, links oder rechts? Erst zu den Löwen oder erst zu den Papageien? Verschlungene Wege und üppige Vegetation machen jedes Gehege zu einer Entdeckung. Wobei nur die Vögel in ihren Volieren ein „Dach über dem Kopf“ haben. Und selbst hier steht man den farbenprächtigen Aras ohne Trennwand gegenüber und staunt ob der Größe und Flugfähigkeit. 65 Tierarten und 400 Tiere werden hier gehalten. Die Lemuren sind besonders niedlich. Man sieht sie nicht, doch ihr hoch erhobener Ringelschwanz verrät sie, der wie eine Antenne aus der grünen Wiese herausragt. Sie huschen über den Weg, um sich an wilden Erdbeeren zu verlustieren.
Das Gehege der Giraffen ist tiefer oder wir höher gelegt, so dass man nun ihre schön bewimperten Augen viel besser sehen kann. Was für elegante und doch so befremdlich wirkende Tiere auf ihren hohen Stelzenbeinen.
Wie gestern der botanische Garten am Meer ist dieser Zoo auch einer Privatinitiative zu verdanken. Der Landwirt Lucien Lebreton, hatte ein besonderes Interesse an der Vogelzucht und errichtete dafür eine große Voliere. So brachte man ihm auch verletzte oder kranke Wildtiere, die er gesund pflegte. So entstanden die erste Aufnahmestation für Wildtiere der Region sowie ein kleiner Tierpark mit europäischen Wildtieren. Das Interesse wuchs und so Lebreton eröffnete er 1957 den Parc zoologique de Champrepus. Auf dem Gelände war seine gesamte Familie mit Begeisterung beschäftigt.
So war es folgerichtig, dass seine beiden Enkel, Yves und Jacques Lebreton nach dem Tod des Großvaters 1980 die Leitung des Zoos übernahmen - ein Landwirt und ein Biologe. In den folgenden Jahren wuchs der Tierbestand, das Gelände wurde erweitert und die Anlagen wurden nach und nach den Bedürfnissen der Tiere angepasst.
Dann geht es weiter zu einer Glockengießerwerkstatt, die 1865 gegründet wurde. Seit dem 9. Jahrhundert ist der Glockenguss bekannt und seitdem hat sich nur in der Zusammensetzung der Materialien etwas geändert, nichts jedoch am Vorgang selbst. Die Glockengießer waren Wanderarbeitet und gossen vor Ort, denn die schweren Schönheiten konnten nicht mit leichter Hand transportiert werden. Das änderte sich mit den ersten Schienensträngen.
Wir wissen nicht, was uns bei dieser Führung erwartet. Und sind alle ganz angetan von dem, was wir sehen und hören. Denn die Werkstatt, die in einem größer wirkenden Schuppen untergebracht ist, ist ein Handwerksbetrieb wie aus früheren Zeiten, wo seit Jahrzehnten die gleichen Handgriffe sitzen. Zehn Mitarbeiter sind hier beschäftigt.
Wir könnten uns auch eine kleine private Glocke bestellen, wie wir sie hier vor uns sehen und die 5.000 bis 7.000 Euro kostet. Das hätte den Vorteil, dass wir die schönen Verzierungen an der Außenwand der Glocke, die in der Regel mit Heiligen und anderen Ikonographien versehen sind, dass wir den von uns gewünschten Dekor vor der Haustür oder im Garten sehen würden und auch daran Freude hätten, nicht nur am Glockenton. Dieser, lernen wir, hängt vom Durchmesser und der Dicke der Glocke ab. Um ihn „nachjustieren“ zu können, wird die Glocke ein bisschen dickwandiger gegossen, um Material abnehmen zu können und den Körper zu „stimmen“.
Der Ort gefällt uns so gut, es ist Samstag, Wochenende und kein weiterer Programmpunkt auf dem Plan, dass wir es uns erlauben, durch den Ort zu bummeln, die vielen Metzgereien mit ihrem Angebot zu zählen, noch den einen oder anderen Laden besuchen, auch etwas kaufen und dann sehr zufrieden in den Bus steigen, um unserem morgigen Ziel entgegenzufahren: Mont Saint Michel.
Mont St. Michel –die Kathedrale von Chartres
Was wir gestern schon von der Autobahn aus gesehen haben, rückt immer näher: das im wörtlichen hoch über die Landschaft ragende, herausragendste architektonische Ensemble in Europa – Mont St. Michel. Seit dem Mittelalter gehört das befestigte Kloster zu den bekanntesten Wallfahrtsorten der Christenheit. Seine Geschichte reicht bis ins 8. Jahrhundert. Doch es hätte auch anders ausgehen können, wenn Erzengel Michael nicht so hartnäckig gewesen wäre.
Denn der Legende nach erschien 708 dieser dem Bischof Aubert von Avranches mit dem Auftrag, eine Kirche auf der Felseninsel zu bauen, ein schwieriges und mühsames Unterfangen. Daher folgte der Bischof diesem Auftrag nicht trotz mehrfacher Aufforderung, bis der Erzengel ihm während des Schlafs mit einem Finger ein Loch in den Schädel brannte. Da konnte Aubert nicht anders und ließ ein erstes Sanktuarium zu Ehren des Heiligen Michael auf dem Berg errichten. Das wäre etwa so, wie wenn man auf Helgoland eine Abtei bauen würde – ringsum Wasser. Da ist jede Menge Logistik nötig.
965 gründeten Benediktinermönchen das Kloster und in den folgenden Jahrhunderten finanzierten Herzöge und Könige die großartige Architektur. Im 12. Jahrhundert verfügte die Abtei über große Macht und bedeutenden Einfluss. Mit der Französischen Revolution wurde die Abtei in ein Gefängnis umgewandelt und erst 1969 kehrten die Mönche zurück.
Der „Mont“ ist zu seiner ursprünglichen Bestimmung zurückgekommen, denn jährlich pilgern mehr als zwei Millionen zum Berg, der seit 1979 zum Weltkulturerbe der Unesco gehört. Und er ist auch Teil des Welterbes Wege der Jakobspilger in Frankreich.
Als wir morgens um 8.30 Uhr ankommen, kaum 25 Minuten unterwegs, gehört die Insel uns. Wie Lummerland liegt sie da. Wir laufen über den Wehrgang, von Turm zu Turm mit Ausblick. Als die Abtei um 9 Uhr öffnet, sind wir auch hier unter den ersten. Die befestigte Abtei im normannischen Baustil wirkt wehrhaft, hat jedoch auch Stil. Gerade der Kreuzgang mit seinen versetzten Säulen hat etwas Tänzerisches, geschützt von dicken Mauern.
Als wir gegen Mittag die Insel verlassen, sind wir ganz erschrocken, was sich in den Gassen drängt – wie die Drosselgasse in Rüdesheim schaut es aus. Wie hat sich der kleine Ort verändert. Wir steigen frohgemut in den Bus, hatten wir doch genug Zeit, um uns umzutun und dieses Highlight der Reise ausgiebig zu sehen.
Nach Chartres geht es, wo wir in der Stadt, um die Ecke von der Kathedrale unser Hotel haben. Auf dem Weg in die Crêperie schauen wir noch kurz vorbei, in dieser hochgotischen Manifestation der Gottesverehrung. Das Licht reicht, um die Glasfenster leuchten zu sehen, deren Blau als Chartres-Blau berühmt ist.
Nach dem Abendessen gedulden wir uns und freuen uns dann, dass wir durchgehalten haben. Denn jeden Abend um 22.15 Uhr werden über 20 Gebäude in der kleinen Stadt, die knapp 40.000 Einwohner hat, illuminiert. Die Westfassade der Kirche wird zu einer Projektionsfläche von Farbe, Animation und Geschichten, die uns staunen lässt. Es ist kalt und spät, zwei Argumente, die, wären wir Kinder, nicht ziehen würden, doch uns zieht es jetzt ins Bett.
Garten & Schloss von Fontainebleau – Schloss Vaux–le–Vicomte
Der letzte Besichtigungstag wartet mit zwei Highlights auf. Zunächst fahren wir nach Fontainebleau, einem wunderbaren Ensemble aus Schloss, Park und Garten. Ursprünglich ein Jagdschloss, wurde Fontainebleau von den französischen Königen ständig erweitert und verschönert. Der Wald von Fontainebleau lockte zunächst die königlichen Jagdgesellschaften an, später die Freiluftmaler. Das Hauptgebäude ist der erste Renaissancebau in Frankreich und prägte sogar eine Stilrichtung. Die Großen Apartments zeigen Stil. Die Möblierung der königlichen und kaiserlichen Gemächer ist weitgehend im Zustand der letzten innenarchitektonischen Umgestaltung zur Zeit Napoleons III. erhalten. Dadurch überlagern sich Elemente von Renaissance bis zum Historismus. Es wirkt mitunter überladen. Ein Blick in den Garten, in die Höfe, den Karpfenteich bringt dem Auge Erholung. Ob es den Bewohnern auch so ging?
Die Eisheiligen haben sich vor wenigen Tagen verabschiedet und die Blumentöpfe liegen auf der aufbereiteten Erde, um eingepflanzt dem Barockgarten alle Ehre zu machen.
Ob Ludwig XIV. auch diesen Weg nahm nach Schloss Vaux-le-Vicomte, um die „Warming-up-Party“ seines Finanzministers Nicole Fouquet zu besuchen? Der berühmte Architekt Andre le Nôtre schuf hier den Garten. Die mit großem finanziellem Aufwand Fouquets gestaltete Pracht von Schloss und Garten sah sein Dienstherr gar nicht gerne, der sich durch die zur Schau gestellte Macht bedroht fühlte, und so wechselte Fouquet schnell die Bleibe – vom Schloss in die Festung zu lebenslanger Haft.
Das gelungene Ensemble von Schloss und Garten nahm Louis XIV. zum Anlass, Architekten und alle am Bau Beteiligten für die Errichtung des Schlosses von Versailles zu übernehmen. So stehen wir also nun vor dem „Vorläufer von Versailles“. Die Mittelachse des gesamten Geländes läuft über die Freitreppe und den Festsaal in den Garten. Und das Besondere ist, dass dieser Blick nicht verstellt ist. So korrespondiert das Schloss mit seiner Umgebung, ist wie ein Solitär von Wasser umgeben und steht durch die Wegeführung und die Blickbeziehungen in ständigem Austausch mit dem Garten.
Den Berlinern kommt das bekannt vor: Der Males Max Liebermann wollte auch, dass es eine Verbindung zwischen seiner Villa am Wannsee und dem Garten gibt, den er wiederholt malte. Und so tritt man hinaus und hinein ohne Schwelle. Fast um die Ecke liegt Schloss Sanssouci; es hat keinen Sockel, hier scheint der zierliche Baukörper regelrecht in der Erde zu stecken und aus der Weinbergterrasse herauszuwachsen.
So haben wir am letzten Besichtigungstag noch einmal zwei berühmte Schlösser gesehen. Der Speicher an Bildern und Eindrücken ist jetzt voll, morgen geht es nach Hause.
Rückreise über Reims nach Deutschland
Über Reims geht es zurück nach Dresden. Wie ist die Landschaft grün und satt. Und plötzlich sieht man auch die eigene Heimat mit anderen Augen. Das Auf und Ab über die Ausläufer der Hessischen Rhön. Die Burgen Dreigleichen, die in Thüringen von ihren Höhen aus den Vorbeireisenden grüßen, während die Ritter damals dafür sorgten, auf der Strecke nicht ausgeraubt zu werden – oder es selbst gleich taten.
Auf der Strecke verabschieden sich einige Reisegäste, die schon fast zu Hause sind. Als wir um 22 Uhr in Dresden ankommen, sind unsere eigenen vier Wänden auch nicht mehr fern.
Das Resümee von neun Besichtigungstagen:
- 6 Kathedralen der französischen Gotik in Reims, Rouen, Caen, Bayeux, Coutance, Chartres
- 1 Klostergarten
- 3 Schlossgärten in Chantilly, Fontainebleau und Vaux-le-Vicomte
- 3 öffentliche Parkanlagen in Caen, Coutance und Le Havre
- 4 Privatgärten: den Skulpturengarten von Château de Vascoeuil, den Künstlergarten Monets, die Jardins du Pays d'Auge und den Botanischen Garten in Vauville
- 7 Ortsbesichtigungen in Reims, Rouen, Caen, Étretat, Honfleur, Deauville, Villedieu-les-Poêles-Rouffigny, der Glockengießerstadt und Mont Saint Michel
- Des Weiteren: eine Verkostung von Bénédictine und von Calvados, Besuch des Museums in Caen, Besuch des amerikanischen Soldatenfriedhofs
Womöglich habe ich etwas in der Aufzählung vergessen. Und wenn es Euch auffällt, umso besser, denn dann wart Ihr mit wachem Blick dabei.
Liebe Gäste,
es waren leichte und heitere Tage mit Euch.
Ich danke Euch für Eure Begeisterungsfähigkeit und Euer Interesse an allem, was diese schöne Reise uns geboten hat. Wir haben ein stolzes Pensum absolviert.
Unser Busfahrer Benjamin hat uns mit seiner täglich guten Laune sicher und entspannt von einem Ort zum anderen gebracht, sich um volle Kühltruhen mit Getränken und starken Kaffee gekümmert.
Ich wünsche Euch alles Gute, Gesundheit und schöne Reiseerinnerungen und freue mich, wenn es ein Wiedersehen gibt,
Eure Vivian
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