Irlandreise: Vorbereitung oder Aufarbeitung mit Pulitzer Preis
Von Peter Rudolph, 31.10.2015
Reisetipps von Eberhardt-travel sind grundsätzlich nicht eine schnöde Aneinandereihung von bereits Gesehenem. Deshalb wird auch niemand überrascht sein, dass es bei diesem Tipp um ein Buch geht. "Die Asche meiner Mutter" von Frank Mc Court gehört wirklich zu den schrecklichsten und zugleich intensivsten Möglichkeiten, in irische Lebenswelten und -einsichten, die irische Seele an sich einzutauchen
Ich bin nicht der Einzige auf meinen vielen Reisen nach Irland, welcher vom Inhalt dieses Buches wusste. Einige Gäste hatten es ebenfalls gelesen. Da bin ich nicht überrascht, denn viele Eberhardt Gäste bereiten sich intensiv auf ihre Reisen auch mit Literaturstudien vor. Man will also das Land kennen lernen. Das heißt nicht explizit die Landschaft und schöne Schlösser; die natürlich auch. Meine Gäste suchten oft nachfragend nach dem Alltag in Irland und nach der Einstellung der Menschen sowohl gesellschaftlich als auch politisch. Klar blieb da keine Frage offen, aber einen Wink dahin, wie die Iren allgemein sich selbst, die Welt und vor allem ihr Verhältnis zu England sehen, das gibt uns Frank Mc Court mit der ungeschönten Geschichte seiner Jugend im Irland der 30er und 40er Jahre wieder. Und, liebe Leser: Es hat sich nicht viel daran geändert.
In Brooklyn geboren wird er mitsamt seinen Eltern weil der Papa damals schon säuft, von den Verwandten nach Irland, in die "Heimat"abgeschoben. Welche Heimat? Die Heimat seiner Mutter. Limerick. Nicht die seines Vaters. Die heißt Antrim. Eine Grafschaft in Nordirland, die jeder kennt, welcher diese Reise mitgemacht hat.
Frankies Vater ist im County Antrim aufgewachsen. Ganz im Nordosten von Irland, wo Irand überwiegend protestantisch ist und viele EHT-Reisen hindurchgehen. Das allein macht ihn schon verdächtig in Südwestirland; in Limerck. Verdächtig, mit den Engländern zu paktieren, obwohl er in der IRA gekämpft hat, die in den 1920er Jahren noch die reguläre Armee war. Dem armen Mann bleibt nur noch, sich Irlandgemäß dem Trunke hinzugeben. Whiskey und Guinnes gibt es auch heute noch in Irland an jeder Ecke. Mehr als der Trunk und der Weltschmerz um Irland scheint ihm nicht zu bleiben. Über Dublin gelangen sie in den Süden nach Limerick, wo die Mutter herstammt.
Natürlich denkt der Leser an die Antrim Coast, die wir auf vielen Reisen befahren. Auch wenn die Familie den Dubliner Bahnhof erreicht, sehen jene Leser, die schon einmal mit mir mitgefahren sind, dieses riesige viktorianische Gebäude im Stil der Neorennaissance vor dem geistigen Auge. Schräg gegenüber ist gleich das Guinnes-Viertel. Hier besteigt also die mittlellose Familie den Zug nach Südwesten. Nach Limerick.
Dort wächst der Junge in den übelsten Slums auf. Er heißt Franciscus, gen. Frankie, und betet oft in höchster Not zu seinen Namenspatron, den Heiligen Fanziskus, der ihm nicht hilft. Niemals hilft, wie auch die allmächtige katholische Kirche, die Ihm dreimal einen Arschtritt (sic!) verpasst. Vielleicht gibt es den einen Priester, der sich seiner Sache annimmt. Aber welche Ambitionen hat dieser wiklich, der ihn so liebevoll in den Arm nimmt? Zu spät. Frankie will es nicht mehr wissen, denn mit der irischen katholischen Kirche und auch mit dem hl. Franziskus, seinem Namenspatron ist er fertig.
Jeder Irlandreisende sieht die riesigen Kirchenbauten als Zentrum irischer Dörfer und Städte. Manifestation klerikaler Macht. Und wenn wir durch Irland reisen, so sehen wir Sonntags doch Mengen von Messebesuchern, bei denen manchem Priester in Deutschland das Herz im Leib hüpfen würde. Aber das täuscht auch etwas. In den Einkaufszentren an den Ortsrändern ist Sonntags morgens noch mehr los, denn Irland kennt kein Ladenschlußgesetzt in unserem Sinn.
Auch zu Frankies Jugend waren die Kirchen voll, aber es war, wie er erzählt, der einzige Ort, wo es warm war. Wo man die permanent nasse Kleidung trocknen konnte, und es mal gut roch. Und der Junge mutmaßt, ob dies vielleicht der wahre Grund war, weshalb die Menschen in die Kirche gingen, um es mal warm zu haben? Schläft er doch in den unterschiedlichen Behausungen, in denen die Familie wohnt in der Regel mit seinen Brüdern eng aneinander gekuschelt auf Lumpen auf dem Fußboden, nur bedeckt mit 2 alten Mänteln. Gesund sind diese Zustände nicht. Das Problem mit Typhus und Tuberkulose und den unhaltbaren hygienischen Zuständen durchzieht das gesamte Werk. Und nachdem schon seine einzige Schwester bereits in Brooklyn starb, rafft die Schwindsucht nun auch noch zwei weitere Brüder dahin. Diese Kapitel gehören mit zum Grausamsten, was das Buch an eh schon schrecklichen Schilderungen aufzubieten hat und macht dem Leser unweigerlich feuchte Augen. D. h. , es reißt einen buchstäblich mit.
Doch seine Mam produziert unablässig nach. Noch zwei weitere Brüder werden in diese kalten, im Grunde abbruchreifen Behausungen hineingeboren. Und nun sind wir endlich bei der Person, um die es im Titel geht. Seiner Mutter Angela. Sie allein trägt die Last des Alltags, bringt die Kinder durch, steht bei den Almosenstellen an, sinkt gar zur Bettlerin herab, weil irgendwann die ebenso arme Verwandtschaft rein gar nichts mehr erübrigen kann. Diese schiere Verzweiflung dieser Frau kurz vor dem Zerbrechen, unfassbar durch die Sicht und Sprache und mit dem Verständnis eines Kindes geschildert. Ungeschönt, ungeschnörkelt, wahr. Kindermund tut Wahrheit kund.
Das ist der literarische Kniff, dessen sich Frank McCourt bedient. Er bedient sich der Sprache seines jeweiligen geistigen und körperlichen Entwicklungsstadiums, in welchem er sich gerade je nach Alter befindet. Das birgt für eine ungeahnte Authentizität, bringt Metaphern und andere Stilblüten hervor und lässt den geneigten Leser zwischen Lachen und Weinen gleichzeitig in der Schwebe.
Es wird einem warm ums Herz, wenn er das unwahrscheinliche Grün Irlands erwähnt, an den sich jeder EHT Reisegast nach Irland erinnert. Solch ein grünes Grün hat er noch nie gesehen, und Reisende nach Irland auch noch nie. Irland, die grüne Insel! Als Junge aus NewYork müssen er und sein Bruder Malachy auch erst einmal wissen, was Schafe und Kühe sind. Haben sie noch nie gesehen. Und der EHT-Reisegast wird sich an die millionenfachen weißen Punkte in der grünen Landschaft und die Holsteiner Schwarzbunten in der Grafschaft Kerry erinnern. Und natürlich an den Shannon, dem mit gut 370 km längsten Fluß Irlands. An diesem kommt im Grunde keine EHT-Irlandreise vorbei, und wir überqueren ihn oft schon am Mündungstrichter westl. von Limerick, wo er sich zu einem gewaltigen Strom verbreitert hat. Für den armen Teil der Bevölkerung bringt er jedoch vor allem eins: Nässe oder Feuchtigkeit. Den Tod.
Direkt am Shannon in Limerik steht "The stone of (brocken) treaty" ; der Stein des (gebrochenen) Vertrags. Es geht um den Vertrag vom 3. Okt. 1691, welcher im Namen von Wilhelm III. von Oranien (protestantisch) und Jakob II Steward (katholisch) geschlossen wurde. Er sicherte der katholischen irischen Bevölkerung u. a. auch die freie Religionsausübung zu. Aber was folgte waren die "penal laws" die Strafgesetze Wilhelms, welche die Iren noch mehr als vorher unterdrückten. Dieser Stein wird zwar nicht explizit im Buch erwähnt, obwohl er schon 1865 auf den Denkmalssockel gehoben wurde, aber immer wieder wird der Leser darauf aufmerksam gemacht "was die Engländer (nicht die Schotten oder Waliser) den Iren über 800 Jahre lang angetan haben." Das schildere ich auch meinen Reisegästen. Und auch dass sich Frankies Vater in den aktiven Widerstand begab und deshalb nach Amerika flüchten musste, wird klar herausgestellt. Politische Begebenheiten werden nur am Rand erwähnt. Verständlich aus der Sicht eines Kindes. Aber wer mit mir bereits in Irland war, dem werden Personen wie Eamon de Valera oder Michael Collins keine Unbekannten mehr sein, genauso wenig wie Bobby Sands, auf dessen Konterfei wir immer in Derry von der Stadtmauer schauen, wenn wir in die Bogside blicken. Dem Ort, wo 1972 die British Army das Feuer eröffnete und so viele Tote auf der Straße liegen bleiben. Das viele nachweislich Unbewaffnete davon in den Rücken geschossen wurden, das hat man auch heute, auch in der Republik Irland nicht vergessen.
Davon kann natürlich der kleine Frankie noch nichts wissen. Jedoch liegt das erste Massaker, der este "bloody Sunday" Irlands erst wenige Jahre zuück, als nämlich 1920 britische Soldaten ihre Gewehre auf die Zuschauertribühnen eines Gaelic-football Spiels richteten, und 14 Tote sowie 65 Verletzte auf den Tribünen zurück blieben, darunter zwei 11 und 12 jährige Kinder. Frankies Vater zerbricht immer mehr, geht nach England zum arbeiten, weil dies Iren in den Rüstungsfabriken braucht. Er versäuft jedoch seinen Wochenlohn und schickt der Familie nur ein einziges mal Geld. Die Last bleibt an der Mutter hängen und irgendwann auch an ihm, den Ältesten. Er stiehlt aus purer Not die Brote oder Milchflaschen von den Türen der Reichen, damit seine kleinen Brüder überleben können. Dafür bekommt er sogar von den Priestern die Absolution nach der Beichte. Immerhin.
Hat die Mutter doch mitunter nicht einmal die Möglichkeit, ein Feuer im Haus anzuzünden. Torf-oder Kohlenstückchen kratzen die Jungs aus den Ritzen des Straßenpflasters heraus. Irgendwann beginnen sie sogar ein Zimmer in dem "Two ups two downs" Haus abzubrechen und zu verheizen. Also jene mikrigen Häuser, die auch heute noch in langen Reihen in vielen irischen Städten zu sehen sind. Zwei Räume unten, zwei oben, aber buchstäblich um die Möbel rumgebaut. Eberhardt-Reisende kennen die. Sie blickt nur in die kalte Asche. Ist damit "Die Asche meiner Mutter"gemeint? Oder ist es die Zigarettenasche? Denn der kleine Frankie fragt sich: Egal wie groß die Not ist, seine Mutter schafft es immer, noch Geld für die Woodbine-Zigaretten übrig zu haben. Und dann sitzt sie gedankenversunken vor der kalten Herdasche und saugt an der Woodbine, die ihr scheinbar die einzige Wärme in ihrem harten Leben gibt. Für Nostalgiker: Woodbine Zigaretten (filterlos) gibt es seit 1988 nicht mehr.
Interessant ist auch das irische Initiierungsritual. Mit 16 Jahren wird dem irischen Jungen von seinem Vater im Pub die erste Pint spendiert. Weil sein Vater sich jedoch gerade in England besäuft, übernimmt diese Pflicht sein Onkel Pa (Patrick nach dem Nationalheiligen). Der ganze Pub stößt auf den Jüngling an. Schon nach der ersten Pinte wird ihm schwindelig und nach der zweiten kotzt er die ganze Strasse voll.
Nachdem der Frankie den Typhus überstanden hat (im Krankenhaus hat er das erste mal in seinem Leben ein sauberes weißes Bettlaken gesehen und gespürt), seine ersten sexuellen Erfahrungen mit einer TBC- erkrankten gleichaltrigen gemacht hat (ja, in einem guten Viertel, TBC macht auch hier nicht halt), schafft er es tatsächlich, das Geld für eine Überfahrt nach Amerika zu sparen. Das Schicksal, der Tod einer Geldverleiherin für die er Drohbriefe schreibt, gibt ihm die letzten Pfund aus ihrer Raffkasse. Ihr Schuldbuch schmeißt er in den Shannon. Es steht seine ganze Verwandtschaft da drin. Mit 19 Jahren geht er dahin zurück, wo er geboren worden ist. Nach New York. Nur weg von Irland, das ihm so schrecklich scheint, aber ihn trotzdem nie mehr in der Seele loslässt.
Der Titel (Angelas Ashes) erschließt sich einem erst in der Fortsetzung. 1985 kommen alle Brüder nochmal nach Limerik, um die Asche Ihrer Mutter auf dem katholischen Friedhof von Limerick zu verstreuen. Die Schilderung der Irischen Mutter, die es trotz eines versoffenen Ehemanns, sich bis auf die Knie erniedrigend geschafft hat, vier Ihrer sieben Kinder durchzubringen; es ist im Grunde eine Hommage, obwohl sie sich nur immer in ihr Schicksal fügt. Dem nötigt allein das schon gehörigen Respeckt ab.
Das Buch hat den Pulitzer-Preis bekommen und auch noch andere international bedeutende Preise eingeheimst. Der kleine Frankie aus dem Buch ist weltberühmt geworden. 2009 ist Frank Mc Court gestorben. Von sich selbst sagte er, dass er amerikanischer Ire ist und mitten auf dem Bindestrich sitzt. Wer mit mir nach Irland kommt, weiß, warum einen dieses Eiland nicht mehr loslassen kann. Die zwitschernden Vögel in den durch Hecken versteckten Mauern, das Grün, der sanfte Atlantik, der so heftig sein kann. Wenn wir durch Irland fahren, werden wir immer wieder die Ruinen der verlassenen Cottages sehen, die wild in der Gegend herumstehen. Diese werden von keinem Iren jemals angetastet, denn sie sind Zeitzeugen, also Denkmäler an die große Hungersnot aus der 1840ern. Verlassene Gehöfte der Vertriebenen oder Verhungerten. Kein Ire rührt die heute an. Auch diese Erinnerung kommen im Buch mehrmals vor. Die Erinnerung ist lebendig.
Wer nach Irland reist, dem sei die Lektüre dieser irischen Erinnerungen dingend empfohlen. Frank McCourt:
"Natürlich hatte ich eine unglückliche Kindheit eine glücklichre Kindheit lohnt ja kaum. Schlimmeres als eine normale unglückliche Kindheit ist die unglückliche irische Kindheit, und noch schlimmer ist die unglückliche irische katholische Kindheit.!"
Originaltiel "Angelas Ashes"
Deutsch von Harry Rohwolt
Deutscher Titel: Die Asche meiner Mutter
ISBN 978 - 3 - 442- 72307 - 2