Saudi Arabien: NEOM – „Neue Wunder für die Welt“

Immer wieder stößt man in Saudi Arabien auf Plakate an Straßenrändern, welche auf die „Vision 2023“ aufmerksam machen. Was steckt hinter der Vision 2023? Saudi Arabien ist trotz aller bisherigen Diversifizierungsbemühungen immer noch einseitig auf die Einnahmen aus seinen Erdölexporten abhängig. Als während der Pandemie der Weltmarktpreis für Erdöl stark fiel, musste das Königreich die Mehrwertsteuer von 5% auf 15% erhöhen, um Haushaltslöcher zu stopfen. Der junge und mächtige Thronfolger Mohammed bin Salman bin Abdulaziz Al Saud, kurz MBS (1985 in Jeddah geboren) hat zur Überwindung dieses „Ressourcenfluches“ mit der Vision 2023 eine komplexe Strategie ausgerufen. Neben der Stärkung und Diversifizierung der Wirtschaft sind auch die Kultur, Sport, soziale Bereiche und der Tourismus betroffen. Saudi Arabien soll das Zentrum der arabischen und islamischen Welt sowie Drehscheibe zwischen Europa, Afrika und Asien werden. Mit einer ganze Reihe von milliardenschweren Großprojekten sollen die ambitionierten Ziele erreicht werden. Darunter befinden sich zum Beispiel das Diriyah Gate Projekt, Downtown Jeddah, Mall of Saudi in Riad, Al-Ula Vision, Umstieg auf erneuerbare Energien, NEOM u. a. m. Im Folgenden soll es um NEOM, das wohl bekannteste und größte saudische Projekt gehen.
Von Frank Nimschowski / 04.11.2023
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Der Begriff NEOM wurde aus altgriechisch „neo(s)“ für „neu“ und dem Buchstaben „m“ gebildet. „m“ stammt von „mustaqbal“ (arab. Zukunft), ist aber auch der Anfangsbuchstabe von MBS und von „mumkin“ (arab. möglich, machbar). Das Projekt betrifft eine Fläche vergleichbar mit der von Belgien, gelegen im Nordwesten am Roten Meer, Golf von Aqaba bis an die jordanische Grenze. Das 500 Milliarden US-Dollar Projekt NEOM besteht wiederum aus verschiedenen Einzelprojekten. Das wohl Bekannteste darunter ist die Bandstadt „The Line“. Derzeit werden in der Ausstellung „The Line Experience“ in Messehallen in Riad Details und Animationen zu dieser Zukunftsstadt vorgestellt: als „Revolution der Zivilisation“ propagiert, sollen in einem einzigen 170 km langen, bis 500 m hohen und 200 m breiten Gebäude, dessen Fassade vollständig verspiegelt ist, ca. 9 Millionen Menschen leben. Unterirdisch soll eine Hochgeschwindigkeitsbahn die Stadtmodule miteinander verbinden. 12 verschiedenartige Stadtmodule, von 12 Architekten entworfen, sollen entstehen. Der oberirdische Verkehr soll ausschließlich Fußgängern und Radfahrern zur Verfügung stehen. Kein Bewohner soll länger als fünf Minuten benötigen, um jede wichtige Einrichtung erreichen zu können. Im Küstenbereich sind eine Marina und ein Kreuzfahrtterminal geplant. Die Energieversorgung soll vollständig aus regenerativen Energiequellen erfolgen. Unklar ist dabei, ob wie in der Region üblich, unter regenerativen Energiequellen auch Atomkraft gemeint ist. Zumindest plant Saudi Arabien bis 2040 im großen Stil zahlreiche Atomkraftwerke zu errichten. In den Bergen unweit von Jordanien soll auf einer Höhe von 1.500 bis 2.600 Metern ein weiteres Teilprojekt von NEOM entstehen: das Berg- und Wintersportgebiet Trojena. Zwar gibt es in den Wintermonaten hier etwas Schneefall, die Schneemengen reichen aber für Wintersport nicht aus. Deshalb wird ein riesiger künstlicher See angelegt, um den Wasserbedarf für den Kunstschnee zu decken. Die Retortenstadt Trojena soll bereits 2026 fertig gestellt werden. Für 2029 hat das asiatische Olympia-Komitee die Winter-Asienspiele 2029 an Trojena vergeben. Weitere Teilprojekte von NEOM sind: Der bereits fertiggestellte Flughafen Neom in der Nähe der Stadt Sharma. Darüber hinaus ein teilweise schwimmender Industriekomplex in Form eines Achtecks (Oktagon) bei Duba am Roten Meer. Der Komplex beinhaltet eine Meerwasserentsalzungsanlage, die Wasserstoff- und Ammoniakproduktion und ein ozeanographisches Forschungszentrum. Im Bereich Tourismus ist am Roten Meer unter dem Namen „Sindalah“ ein Luxusresortkomplex geplant, der einen Yachthafen und drei Luxushotels für täglich bis zu 2.400 Gäste umfasst. Beim Ausbau der Infrastruktur ist die geplante Brückenverbindung nach Ägypten unter Einbeziehung der Inseln Tiran und Sanafir zu nennen. NEOM soll zahlreiche ausländische Investoren anziehen. Dazu wird das NEOM-Gebiet ein eigenes Rechtssystem bekommen. Als ich mit meiner Reisegruppe die Ausstellung „The Line Experience“ in Riad besucht habe, sind uns viele Fragen zu Machbarkeit, Sinnhaftig- und Nachhaltigkeit gekommen. Mich erinnern diese Zukunftspläne an die jüngere Geschichte Dubais, das sich mit ebenfalls visionären Ideen erfolgreich von der Abhängigkeit vom Erdöl gelöst hat. Dubai hat Großprojekte erfolgreich umgesetzt, gleichzeitig sind andere Vorhaben gescheitert oder verworfen worden. Unter einem ständigen Lernprozess und einen langen Weg mit Höhen und Tiefen hat sich Dubai aber schließlich zu einem international wichtigen Standort entwickelt. Ich glaube, NEOM wird ebenfalls einen langen Lernprozess mit Höhen und Tiefen durchlaufen.


Hegra Al-Ula - Ruinenstadt in Saudi-Arabien – © almozinisaleh - stock.adobe.com

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